Cicerone-Monatsprogramm: Dezember
- Halûk Uluhan

- 28. Dez. 2015
- 2 Min. Lesezeit
It's Lüfer-Time!
Für die Lateiner heißt er Pomatomus Saltatrix. Für Istanbuler ist er kein Fisch sondern Sultan der Meere. Im deutschen Volksmund Blaufisch oder Blaubarsch genannt, hat er im Türkischen mehrere Namen - je nach Größe. Griechischer Name ist Gouphári (γουφάρι), woraus sich Lüfer ableitet. Er ist der schmackhafteste Fisch von Istanbul, wenn man ihn noch bekommt - zu erschwinglichen Preisen natürlich!


Im Schwarzen Meer kommt der Lüfer im Sommer auf die Welt. Als 3 cm kleines Baby heißt er Gözyaşı (Tränentropfen) und jagt Meeräschelarven. Nach einigen Wochen wird er etwa 10 cm groß, heißt Defne Yaprağı (Lorbeerblatt) und frißt schon die fetten Hamsi (Sardinen) des Schwarzen Meeres. Er ist oberseits dunkelblau bis grünlich gefärbt, unterseits heller. Als Çenekop oder Çinekop (Großkiefer) meist in der Größe von etwa 15 cm erreicht er den Bosporus im Herbst. Hier verschlingt er die İstavrit (Stöcker) mit einem großen Appetit. Junge und Halbwüchsige finden sich in Schulen küstennah, oft in brackigen Flußmündungen. Als 20 cm großer Sarıkanat (Gelbflosse) ist er bereits ein Predator und jagt mit seinen scharfen Zähnen alles mögliche, was ihm in die Quere kommt. Mit 24 cm ist er schon ein Lüfer (Blaufisch oder Blaubarsch). Nun hat er einen sehr starken Unterkiefer. Er verspeist gerne ausgewachsene Meeräschen und Hornhechte. In kleinen Gruppen jagt er oft zusammen mit anderen Raubfischen. Er tötet mehr Beute als er fressen kann. Erreicht er das Marmarameer, ist er schon ein Kofana mit über 30 Zentimetern Größe. Jetzt ist aus ihm ein echter Gouphári geworden! Schafft er es, durch die südlichere Meerenge Hellespont (Dardanellen) durchzukommen, hat er schon etliche Fischleichen zu verantworten. Ab einer Größe von 40 cm wird er vor niemandem den Rücken beugen und heißt Sırtıkara (Schwarzrücken). Diese Fische werden bis 1,30 Meter lang, fast 15 Kilogramm schwer und neun Jahre alt. Lüfer ist ein Fisch, der von seiner Geburt bis zu seinem Tod mit jedem Zentimeter einen anderen Namen erhält.
Nur eines ändert sich nicht: sein Schicksal. Lüfer ist überfischt.
Lüfer läßt sich schwer angeln, da er mit seinen scharfen Zähnen die Angelschnur durchschneidet. Aber gegen Netze ist auch er machtlos. Natürlich haben sich die Angler heutzutage etliche Tricks einfallen lassen, um den Lüfer reinzulegen. Der individuelle Angler ist jedoch keine große Bedrohung. Aber die unkontrollierte Netzfischerei!

Wenn die Maschengröße kleiner ist als erlaubt, wenn die Netze tiefer im Wasser liegen als vorgeschrieben, hat man immer mehr junge Fische auf dem Teller, die keine Möglichkeit hatten zu entkommen und zu wachsen.

Aktionen von Umweltschützern wie Greenpeace und von verantwortungsvollen Verbrauchern haben in den letzten Jahren ein bißchen dazu beigetragen, daß man die kleinen Lüfer in Ruhe läßt. Aber nicht genug!

Die wirksamste Aktion hatte das Motto "wieviel Zentimer mißt deiner?" - eine intelligente Anspielung auf die maskuline Verbraucherkultur!

Lüfer ist ein Istanbuler - durch und durch.
Läßt man die Kleinen in Ruhe, zeigen sich die Großen mit üppigem Angebot erkenntlich.
In einem Fischhirn ist mehr Gedächtnis als "Mann" denkt!
Prost Neujahr!




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