Deutsche Dankbarkeit
- Halûk Uluhan

- 5. Juli 2022
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Aktualisiert: vor 5 Tagen
Deutsche Spuren in der Türkei - VII
Unsere Beziehungen zu Deutschland, das in politischen Reden gern als „unser Freund und Verbündeter“ bezeichnet wird, haben in den vergangenen zehn Jahren einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Die Erpressungspolitik unserer Regierung in der Flüchtlingsfrage sowie die beleidigenden Äußerungen unserer Staats- und Regierungsvertreter haben tiefe Wunden in den Beziehungen zu jenem Land hinterlassen, das als Lokomotive des europäischen Kontinents und als eine der größten Volkswirtschaften der Welt gilt.
Da Deutschland im 19. Jahrhundert lange mit seiner eigenen Einigung beschäftigt war und den Wettlauf um Kolonien in den fernen Regionen der Welt weitgehend verpasste, richtete es seinen Blick verstärkt nach Osten – bis in den Nahen Osten – und knüpfte enge Beziehungen zum Osmanischen Reich. Große „Aufträge“ wie die Reform der Armee, Waffenexporte und Eisenbahnprojekte hoben die türkisch-deutschen Beziehungen zunächst auf die Ebene der „Freundschaft“ und später, durch den gemeinsamen Eintritt in den Ersten Weltkrieg, auf die Ebene der „Allianz“.
Während der Regierungszeit Wilhelms II., des deutschen Kaisers und Königs von Preußen, unternahm dieser mehrere bemerkenswerte Reisen in den Nahen Osten, die ihn auch nach Istanbul führten. Nach einer dieser Reisen ließ Wilhelm dem Atmeydanı, dem heutigen Sultanahmet-Platz, ein Geschenk zukommen: einen Brunnen. Er wurde im Jahr 1900 zur Erinnerung an seinen zweiten Istanbul-Besuch von 1898 errichtet. Die Einzelteile wurden in Deutschland hergestellt und Stück für Stück nach Istanbul verschifft, um dort an ihrem heutigen Standort montiert zu werden.
Die achteckige, an den neobyzantinischen Stil erinnernde Kuppel ruht auf acht Granitsäulen. Der Deutsche Brunnen ähnelt weder den mit Statuen geschmückten Brunnen Europas noch den klassischen osmanischen Platzbrunnen. Vielmehr sollte er offenbar bewusst an einen Şadırvan erinnern, also an einen Reinigungsbrunnen im Hof einer Moschee. Tatsächlich sieht man auch heute noch Menschen, die dort ihre rituellen Waschungen vornehmen und mit einiger Mühe sogar ihre Füße in den Becken waschen.
Dass in der islamischen Welt der einfache und kostenlose Zugang zu Wasser sowie die Errichtung öffentlicher Brunnen und wohltätiger Stiftungen in der Bevölkerung großen Anklang finden würden, wussten der deutsche Kaiser und seine Berater sehr genau. Wer Wasser spendete, konnte sich leichter als „islamfreundlich“ präsentieren und musste nicht als „Gâvur“, als Ungläubiger, wahrgenommen werden. In diesem Sinne darf man dem Kaiser und seinem Umfeld durchaus politischen Weitblick zuschreiben. Denn dem Brunnen sollten noch weit größere Schritte folgen.
Wilhelm war ein begeisterter Liebhaber architektonischer Entwürfe, aber natürlich kein Architekt. Zahlreiche Bauwerke, die während seiner Regierungszeit entstanden, hat er entweder im Entwurfsstadium selbst skizziert oder deren Architekten persönlich angeleitet. Aus diesem Grund hat sich in der Architektur ein Begriff etabliert, der sowohl seine Epoche als auch seinen Geschmack widerspiegelt: der „wilhelminische“ Stil.
Nach den Anweisungen und Skizzen Seiner Majestät machten sich die deutschen Architekten Max Spitta, Schoele und Carlitzik sowie der Italiener Giuseppe Antonio an die Arbeit. Die Kosten beliefen sich auf 200.000 Mark nach damaligem Wert.
Die Einweihung des Brunnens sollte ursprünglich am 25. Jahrestag der Thronbesteigung Abdülhamids II., also am 1. September 1900, stattfinden. Doch die Arbeiten waren noch nicht abgeschlossen. Daraufhin wurde die Eröffnung auf den 27. Januar 1901 verschoben – den Geburtstag Wilhelms II. Der deutsche Kaiser selbst konnte an der Einweihung des Brunnens, den er der osmanischen Hauptstadt geschenkt hatte, nicht teilnehmen.
Das mit Blattgold verzierte Mosaik im Inneren der Kuppel stammt vom deutschen Hofkünstler August Oetken. Der damals noch sehr junge Künstler verewigte die Siegel der beiden befreundeten Herrscher in runden Medaillons: vor islamisch-grünem Hintergrund die Tughra Abdülhamids II., vor preußisch-blauem Hintergrund das Monogramm Wilhelms II. Unter dem Buchstaben W steht die römische Ziffer II, darüber eine kleine Krone.
Auch auf dem Schriftband, das die Bögen zwischen den Säulen von innen schmückt, befindet sich eine osmanische Inschrift. Der Text, ein Vers von Ahmet Muhtar Pascha, der dem osmanischen Seraskerlik-Amt angehörte und zugleich Literat war, wurde von İzzet Efendi in Sülüs-Schrift ausgeführt. Man kann diese Kuppel also durchaus als gemeinsames Werk von Oetken und İzzet betrachten.
Die Inschrift lautet sinngemäß:
„Seine Hoheit Wilhelm II., der wahre und aufrichtige Freund Sultan Abdülhamid Hans, Träger der prächtigen Krone, deutscher Kaiser aus dem Geschlecht großer Kaiser und erlesener Herrscher, kam in dieser Zeit erneut nach Istanbul, um seinem Wunsch nachzukommen und den erhabenen osmanischen Padischah zu besuchen. Um die bei diesem Treffen bekräftigte türkisch-deutsche Freundschaft zu bewahren und in Erinnerung zu rufen, ließ er diesen Brunnen errichten, der diesen Platz schmückt. Das klare und reine Wasser, das aus dem Brunnen fließt, ist gleichsam ein Symbol der aufrichtigen Freundschaft zwischen den beiden Ländern und ihren Herrschern. Wer innehält und die mit Blattgold verzierte, einzigartig schöne Konstruktion mit aufmerksamen Augen betrachtet, wird von Staunen erfüllt. Solange fließendes Wasser das wichtigste Fundament und der Baustein des Lebens ist, möge auch dieses Werk der Freundschaft seinen guten Ruf bewahren. Als liebenswerte Erinnerung an die Begegnung der beiden Herrscher fließt das Wasser aus dem Hahn dieses Brunnens kostenlos.“
An diesem Brunnen, an dem man gelegentlich auch Menschen sieht, die ihn offenbar für das Grabmal eines Heiligen halten und mit zum Himmel erhobenen Händen beten, befindet sich außerdem eine Bronzetafel. Diese Inschrift ist nur in einer Sprache verfasst: auf Deutsch.
„Der deutsche Kaiser Wilhelm II. ließ diesen Brunnen im Herbst 1898 als Dankesandenken an seinen Besuch beim osmanischen Herrscher Abdülhamid II. errichten.“
Zwei Straßenbahnhaltestellen weiter, auf dem Beyazıt-Platz, erhebt sich ein weiteres Wahrzeichen: das Tor der Universität Istanbul. Wenn man dieses Tor durchschreitet, sieht man links eine weitere, eher unscheinbare deutsche Inschrift in dieser Stadt. Auch sie bringt Dankbarkeit zum Ausdruck. Doch bei der Inschrift, die 1986 vom inzwischen verstorbenen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker hier angebracht wurde, geht es nicht um eine Gegenleistung. Sie entsprang keiner bestimmten Erwartung, sondern wurde Jahre später aus aufrichtiger Dankbarkeit angebracht.
Bekanntlich steht über diesem prächtigen Tor die Jahreszahl 1453 – als Verweis auf die Medrese, die Mehmed II. unmittelbar nach der Eroberung errichten ließ. Für die heutige Universität wäre jedoch eigentlich die Jahreszahl 1933 treffender. Denn Atatürk hatte den Genfer Pädagogen Albert Malche gebeten, das damalige Hochschulwesen in der Türkei zu untersuchen. In seinem Bericht hob Malche vor allem hervor, dass die Ausbildung und die wissenschaftliche Qualifikation der Professorenschaft unzureichend seien.
Im Jahr 1933 begannen die ersten jüdischen, sozialistischen oder aus anderen Gründen verfolgten Professoren aus Deutschland zu fliehen. In der jungen, noch nicht gefestigten Türkischen Republik herrschte zur selben Zeit ein erheblicher Mangel an Hochschullehrern. Die Universität wurde mit 78 von Atatürk eingeladenen Professoren neu eröffnet. Das akademische Leben in Istanbul erhielt 1933 einen neuen Atem.
Und wer war nicht alles unter den ersten Ankommenden? Der Jurist Ernst Hirsch, der Ökonom Fritz Neumark, der Mediziner Erich Frank, der Chemiker Fritz Arndt … Diese Liste ließe sich lange fortsetzen. In den folgenden Jahren flohen zahlreiche Wissenschaftler vor dem Nazi-Terror und fanden in der jungen Türkei Zuflucht. Auch die Universität Ankara öffnete vielen von ihnen ihre Türen.
Eigentlich müsste die Türkei diesen deutschen Professoren dankbar sein. Doch Weizsäcker kehrte die Perspektive um und brachte in seiner zweisprachigen Inschrift Deutschlands Dankbarkeit und Anerkennung zum Ausdruck.
Der Text der Inschrift des beliebten Bundespräsidenten Weizsäcker zeugt von historischem Bewusstsein. Die Wilhelm-Inschrift hingegen, die gut acht Jahrzehnte zuvor angebracht wurde und nur in einer einzigen Sprache verfasst ist, wirkt demgegenüber eher wie ein Denkmal persönlicher Selbstüberhebung.
Übrigens: Wie nannte man noch gleich ein Geschenk, das man schon vor dem Zuschlag erhielt?












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