Anna
- Halûk Uluhan

- 8. Aug. 2021
- 4 Min. Lesezeit
Deutsche Spuren in der Türkei - III
Die Tomtom-Straße in Beyoğlu-Çukurcuma, die man beinahe als ein kleines „Klein-Italien“ bezeichnen könnte, wirkt auf den ersten Blick wie eine Sackgasse. Doch sie führt weiter — wenn auch etwas verborgen.
Direkt gegenüber erhebt sich das ehemalige Gebäude des französischen Gerichts, das heute als Schule für frankophone Kinder genutzt wird. Doch das ist ein Thema für einen eigenen Artikel.
Neben diesem gelben Gebäude, dessen Fassade mit Symbolen des französischen Seerechts geschmückt ist, führen steile und nicht ganz ungefährliche Treppen nach oben. Der Aufstieg lohnt sich trotz aller Mühe. Auf beiden Seiten begleiten einen verfallene Mauern, fast wie stille Zeugen vergangener Zeiten.
Etwas weiter oben steht ein rotes Haus mit einem Erker im ersten Stock. Die Treppen, die das Erdgeschoss mit der Straße verbinden, sind von besonderem Reiz. In dieser versteckten Ecke sieht man oft junge Paare, die sich dort verlieben. Meistens haben sie sich allerdings schon vor der Liebe vergnügt






…
Dieses rote Haus ist das eigentliche Thema unseres Artikels. Und die Menschen, die hier lebten. Und das, was hier geschah.
Im Jahr 1853 wird in der Stadt Mělník, auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik, ein Mädchen geboren. Man gibt ihr den Namen Anna: Anna Rilke. Sie ist eine entfernte Cousine des berühmten Dichters Rainer Maria Rilke — doch wahrscheinlich sind die beiden einander nie begegnet.
Anna erhält eine ausgezeichnete musikalische Ausbildung. Sie wird Klaviervirtuosin und Lehrerin. Als sie den deutsch-jüdischen Maler Moritz Treuenfels heiratet, ist sie gerade einmal 25 Jahre alt. Doch ihr Mann stirbt bereits drei Jahre später, und die junge Anna wird Witwe.
Sie zieht nach Berlin und gibt dort vielbeachtete Konzerte. Ein Höhepunkt ihrer Laufbahn ist die Verleihung des Titels einer „Königlichen Pianistin“ durch König Leopold II. von Belgien im Jahr 1884.
Ihre zweite Ehe geht Anna mit dem Journalisten und Schriftsteller Julius Grosser ein, den sie während ihrer Berliner Jahre kennengelernt hatte. Julius, der als Korrespondent für den New York Herald arbeitete, erhält von der Kölnischen Zeitung das Angebot, als Korrespondent nach Konstantinopel zu gehen. So kommt das Ehepaar Grosser 1888 zusammen mit seinem Sohn Günther nach Istanbul. Nachdem sie mehrmals umgezogen sind, lassen sie sich schließlich in diesem roten Haus nieder.
„… Wir begannen, die Postacılar-Straße hinunterzugehen; es war ein schrecklicher Weg mit vielen Stufen, aber er glich einem Gemälde. Er erinnerte an die Seitenstraßen Italiens. Das Haus war ein prächtiges Gebäude mit einem schweren Eisentor; es stand auf einem Platz, auf dem sich einst ein Kloster befunden hatte, und direkt daneben lag ein kleines spanisches Kapuzinerkloster, dem das Grundstück gehörte. Wer weiß — vielleicht hatten hier in früheren Zeiten venezianische Kaufleute ihre Unterkunft gefunden …“
Annas Leben ist in diesem „östlichen Himmel“ nicht mehr das, was es einmal war. Sie fühlt sich unverstanden. Sie gibt Konzerte und Klavierunterricht, doch glücklich ist sie nicht. Es scheint, als sei ihr Ehemann Julius ihr einziger wirklicher Bewunderer.
„… An jenem Abend habe ich wirklich gut gespielt; doch sie hörten diese Musik, an die sie nicht gewöhnt waren, nicht mit wirklichem Interesse. Vielleicht hätten sie leichte italienische Opernarien besser verstanden. Aber das kümmerte mich nicht. Ich tat, was ich für richtig hielt, denn ich wollte den Menschen einmal echte deutsche Kunst präsentieren …“
Unter den Zuhörern befinden sich auch Sultan Abdülhamid II. und sein Sohn, Prinz Mehmet Burhaneddin Efendi. Burhaneddin Efendi ist Annas Schüler und spielt sehr gut Klavier. Manchmal gibt er endlose Konzerte — so lang, dass sie die Zuhörer ermüden.
Eine weitere Schülerin Annas ist ein junges Mädchen namens Latife Uşşakî. Wenn man heute an diesem Haus vorbeigeht, sollte man daran denken, dass auch Latife Hanım, die später für kurze Zeit mit Mustafa Kemal Atatürk verheiratet sein wird, hier ein- und ausging. Auch ihre Finger berührten in diesem Haus die Klaviertasten. Auch ihre Musik muss einst in dieser Straße zu hören gewesen sein.
„… Latife hatte ihr Versprechen gehalten. Als selbstbewusste, klar denkende Frau hatte sie mit Traditionen gebrochen und es geschafft, die Mauern, die der türkischen Frau im Wege standen, vollständig einzureißen …“
Anna, deren Ehemann Julius 1895 gestorben war, bleibt mit ihrem Sohn allein in Istanbul zurück. Nun lebt hier eine deutsche Witwe, die die von ihrem Mann gegründete Nachrichtenagentur nicht schließt, sondern weiterführt. Es gibt sogar Gerüchte, der Sultan habe ihr angeboten, als Spionin zu arbeiten. Nun ja — schließlich klingen „Spion“ und „Agentur“ in diesem Zusammenhang beinahe wie entfernte Verwandte.
Anna gründet ein Streichquartett und tritt fortan regelmäßig mit ihm auf. Ab 1906 übernimmt sie außerdem den Musikunterricht am amerikanischen Robert College.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in den Deutsche und Türken gemeinsam eingetreten waren und den sie gemeinsam verloren hatten, wurden 1918 alle Deutschen aus dem Land ausgewiesen. Auch Anna musste Istanbul verlassen — mit dreißig Jahren Erinnerung im Gepäck.
Als ihre Memoiren 1937 veröffentlicht wurden, war Anna bereits 84 Jahre alt. Kurz darauf starb sie.
Anna nahm ihre Erinnerungen mit. Doch hier ließ sie natürlich einen schönen Nachhall zurück.
Ich glaube, genau deshalb höre ich jedes Mal, wenn ich an diesem Haus vorbeigehe, leise Klavierklänge.




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