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Türkisch-Orthodoxes Patriarchat

  • Autorenbild: Halûk Uluhan
    Halûk Uluhan
  • 28. Juli 2015
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Der Kampf eines selbsternannten Patriarchen

Es ist schon komisch. Man liest „Türkisch-Orthodoxes Patriarchat“ Wo? Über dem Eingang der Kirche „Meryem Ana“, der Mutter Maria also.

Türken und Kirche? Und auch noch orthodox? Wie paßt das zusammen?

Kurios ist die Geschichte schon. Die drei Kirchen hier in Karaköy – Maria (ehemals Panhagia Kaffathiani), Nikolaus und Johannes – sind ursprünglich griechisch-orthodoxe Kirchen.


Die heute als „Patriarchatszentrum“ genutzte und in „Meryem Ana“ umgetaufte Kirche wurde 1475 – also unter der Regierung von Mehmet II., dem Eroberer – von orthodoxen Griechen aus Kaffa (Krim) gebaut. Daher hieß sie „Kirche der Allerheiligen von Kaffa – Panhagia Kaffathiani“ und diente bis 1924 der griechisch-orthodoxen Bevölkerung Istanbuls. Die aus der Krim mitgebrachte Ikone der „Wegweisenden Maria – Hodegetria“ ist immer noch im nördlichen Seitenschiff zu sehen.

Übrigens, nicht alle Türken sind Moslems: Gagausen und Karamaniden z. B. sind Christen, Karäer sind Juden, und andere Türken sind Schamanisten oder Buddhisten.

Als nach dem Ersten Weltkrieg Griechenland (auf Ermutigung Großbritanniens) Land in Anatolien beanspruchte, votierte das Ökumenische Patriarchat von Fener in Istanbul für die Invasoren und forderte die Türkei-Griechen auf, Griechenland zu unterstützen. Einige Türkei-Griechen – hauptsächlich Karamaniden aus Zentralanatolien – wollten nicht unbedingt unter dem Diktat des Patriarchats vom Goldenen Horn leben, zumal die Karamaniden türkischsprachige orthodoxe Christen sind, die das griechische Alphabet benutzen…. schwierig?


Pavlos Karahisaridis wurde 1884 bei Yozgat als Sohn einer türkischsprachigen Karamanidenfamilie geboren. Er wollte nicht zur Armee und wurde 1915 zum Priester ordiniert, wobei er den Namen Eftim annahm. Er nahm sogar am 23. April 1920 an der Eröffnung des ersten türkischen Parlamentes teil – als Vertreter der Türkisch-Orthodoxen Gemeinden ganz Anatoliens (Umum Anadolu Türk Ortodoksları Cemaatleri). Lange vor der Ausrufung der Republik Türkei, noch mitten im Gefecht, hatte die provisorische Regierung in Ankara einen besonders schlauen Einfall: Christentum (in diesem Fall Orthodoxie) kann nicht das Monopol der Griechen sein!

In Kayseri versammelte sich 1922 ein Konvent – Allgemeine Kongregation der Anatolischen Türkisch-Orthodoxen – mit 72 Bischöfen und Erzbischöfen aus allen Teilen der Rest-Türkei, um ein anderes Patriarchat zu gründen: türkisch-orthodox. Es sollte unabhängig vom Ökumenischen Patriarchen in Konstantinopel agieren. Schließlich sind die orthodoxen Kirchen autokephal, d. h. „eigenköpfig“. Es gibt ja russisch-orthodoxe, bulgarisch-orthodoxe, syrisch-orthodoxe Kirchen und mehr.

Papa Eftim zog 1923 nach Istanbul. Im Sommer 1923 überfielen seine türkischen Gefolgsleute den damaligen Patriarchen von Fener/Istanbul Meletios IV. und im Herbst des selben Jahres besetzte er die Heilige Synode. Eftim ernannte dort seine eigene Synode oder die dortige zu seiner eigenen. Als Eftim in das griechisch-orthodoxe Patriarchat eindrang, rief er sich selbst zum „allgemeinen Repräsentanten aller orthodoxen Gemeinschaften“ (Bütün Ortodoks Ceemaatleri Vekil-i Umumisi) aus – Tumult am Goldenen Horn!

Als nach Meletios IV. ein neuer Ökumenischer Patriarch – Gregor VII. – auf den Thron stieg, kam es zu einer weiteren Besetzung durch Eftim und seiner Männer. Dieses Mal endete die Episode nach 17 Tagen auf der Polizeistation.

1924 begann Eftim damit, die Liturgie auf Türkisch zu feiern und gewann schnell Unterstützung der neuen Türkischen Republik. Er behauptete, das Ökumenische Patriarchat Fener sei ethnozentrisch und bevorzuge die griechische Bevölkerung.

Papa Eftim wurde exkommuniziert, da er als Bischof weiterhin eine Ehefrau hatte (verheiratete Bischöfe sind in der Orthodoxie nicht erlaubt). Der streitbare Mann berief daraufhin einen türkischen Kirchenkongress, der ihn im Jahre 1924 zum Patriarchen wählte. Ein verheirateter Patriarch also!

Nun war er so etwas wie ein Gegenpatriarch. Eigentlich nicht, denn sein Ziel war ja eine Nationalkirche – wie andere auch. Also, eher einer von den „gleichgestellten“ Nationalpatriarchen. Bloß, das hatte es noch nicht gegeben.

Können Türken das orthodoxe Christentum annehmen? Und wenn ja, in welcher Sprache sollten sie dann beten? Heute sind die Türken größtenteils Moslems und beten auf Arabisch, was sie auch nicht verstehen. Es ist wirklich nicht leicht, ein Türke zu sein.

Die Geschichte verlief anders als gehofft. Am 24. Juli 1923 wurde in Lausanne/Schweiz ein internationaler Vertrag über die neue Türkei unterzeichnet. Er sah auch einen Völkeraustausch vor – dramatisch! Griechen aus Anatolien (nicht aus Istanbul) sollten nach Griechenland und umgekehrt Türken aus Griechenland nach Anatolien auswandern. Die türkischsprachigen Karamaniden waren nun weg. Ein Patriarch fast ohne Volk!

Am 6. Juni 1924 wurde auf einer Konferenz in der Kirche der Mutter Maria (Meryem Ana) hier in Karaköy entschieden, das Hauptquartier des Türkisch-Orthodoxen Patriarchats von Kayseri nach Konstantinopel zu verlegen. In der gleichen Sitzung wurde auch beschlossen, die Kirche der Jungfrau Maria zum Zentrum des neuen Patriarchats der Türkisch-Orthodoxen Kirche zu machen.

Pavlos Karahisaridis, mit dem Künstlernamen Papa Eftim I., bekam auch einen weltlichen türkischen Namen: Zeki Erenerol.

Der größte Teil der ethnischen türkischen Bevölkerung mit orthodoxem Glauben blieb allerdings mit dem griechischen Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel verbunden. 1953 organisierte Papa Eftim einen Demonstrationsmarsch gegen den griechisch-orthodoxen Ökumenischen Patriarchen Athenagoras I. und setzte damit seine Agitation gegen das griechische Patriarchat fort.

Aus Mangel an Geistlichen begann Eftim, seine Verwandten zu Priestern zu weihen, so 1937 seine Neffen und seinen Sohn Turgut. Sein zweiter Sohn Selçuk wurde 1956 Diakon. Turgut wurde 1961 gar zum Bischof geweiht. Am 28. Februar 1964 trat er als zweiter Patriarch der türkisch-orthodoxen Kirche die Nachfolge seines Vaters an, der aus Krankheitsgründen sein hohes Amt abgeben musste.


„Patriarch“ und Kirchengründer Papa Eftim I. starb am 14. März 1968. Das Ökumenische Patriarchat verweigerte aufgrund der Exkommunikation die Beisetzung auf einem orthodoxen Friedhof. Erst nach persönlicher Intervention des türkischen Präsidenten Cevdet Sunay konnte Erenerol auf dem griechischen Friedhof im Stadtteil Şişli beigesetzt werden.

Turgut Erenerol regierte seit 1964 als Patriarch Papa Eftim II. die überschaubare Gemeinde der türkisch-orthodoxen Kirche. Im August 1965 besetzten streitbare Kirchenmitglieder zwei weitere bisher griechische Kirchen, St. Nikolaus und St. Johannes, beide ebenfalls im Viertel Karaköy, gleich um die Ecke. Eftim II. starb am 9. Mai 1991 und konnte wiederum erst nach heftigen Auseinandersetzungen mit dem Ökumenischen Patriarchat seine letzte Ruhe auf einem orthodoxen Friedhof finden. Sein Bruder Selçuk Erenerol wurde unter dem Namen Papa Eftim III. sein Nachfolger im Amt des Patriarchen.

Im Jahr 2002 trat „Patriarch“ Papa Eftim III. von seinem Amt aus Protest gegen die seiner Ansicht nach zu milde Haltung der türkischen Regierung gegenüber dem Ökumenischen Patriarchat zurück. Er sah sich als Opfer der türkischen Bemühungen um einen Beitritt zur Europäischen Union, die er vehement ablehnte. „Unser 80-jähriger nationaler Kampf ist nun zu Ende, diese Entscheidung wird das Ökumenische Patriarchat und Griechenland glücklich machen, und ihr könnt endlich der EU beitreten“, schrieb er in seinem Rücktrittsschreiben an die türkische Regierung. Wenige Wochen darauf starb er.

Papa Eftim III. hatte keinen Nachfolger. Sein Sohn Paşa und sein Neffe Erkin, die noch im August 2000 zu Diakonen geweiht wurden, treten heute nicht mehr öffentlich in Erscheinung. Seine Tochter Sevgi Erenerol ist die letzte öffentliche Repräsentantin der türkisch-orthodoxen Kirche. Sie nahm gelegentlich an Treffen nationalistischer Gruppierungen teil, um dort die Missionsbemühungen ausländischer Kirchen in der Türkei oder den angestrebten EU-Beitritt zu verdammen. Dafür durfte sie im berüchtigten Ergenekon-Prozeß auf der Anklagebank sitzen. Sie wurde zu lebenslänglicher Haft verurteilt und ist seit 2014 wieder auf freiem Fuß. Der türkische Staat hatte alle Ergenekon-Verurteilten rehabilitiert.

Die Zahl der Anhänger der Türkisch-Orthodoxen Kirche ist umstritten und unklar, sie liegt vermutlich im zweistelligen Bereich und dürfte sich auf die Mitglieder der Familie Erenerol beschränken.

Das Ökumenische Patriarchat Fener hat die Vereinnahmung der drei Kirchenbauten nie akzeptiert und fordert bis heute ihre Rückgabe.


Im Buch: Ort 106



 
 
 

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