Kars III
- Halûk Uluhan

- 6. Feb. 2016
- 2 Min. Lesezeit
Ani - die traurige Geisterstadt
Wenn vor mehr als 1000 Jahren zwischen Europa und Asien eine Karawane unterwegs war, so führte der Weg unweigerlich über Anatolien, also durch die heutige Türkei. Anatolien ist eine der größten Halbinseln der Welt, die auf der Ost-West-Achse gelagert und topographisch so günstig gegliedert ist, dass ein Kommen und Gehen von Ost nach West und umgekehrt immer möglich ist - ein "gangbares" Land. Daher führten alle alten Handelswege wie die Seidenstraße zwischen Asien und Europa durch diese Geographie, und Geographie bestimmt Ökonomie, Politik und somit die Geschichte eines Landes.

Die armenische Stadt Ani lag an der Seidenstraße auf der Route Persien - Trabzon am Schwarzen Meer. Städte an einer Handelsstraße profitierten von diesem Handel - Wegezölle, Steuern, Brückenmaut, und alles Erdenkliche. Die heutigen Ruinen liegen im türkisch-armenischen Grenzgebiet auf einem Plateau (1338 m) umgeben von einer tiefen Schlucht und dem Fluss Achurjan bzw. Arpaçay, der heute die Grenze zwischen der Türkei und Armenien bildet.

Wer wissen will, wohin all die Flüsse des südlichen Kaukasus fließen, kann einen Blick auf die folgende Karte werfen.

Noch in den 1980-er Jahren brauchte man eine militärische Erlaubnis, um die Ruinen von Ani zu besichtigen. Und bei der Besichtigung war immer ein Soldat dabei. Fotografieren war verboten. Die Verleugnung der Vergangenheit, nationalistisch verbrämter Geschichtsunterricht und das Vogel-Strauß-Gebaren über die jeweils gegenwärtigen Probleme haben schon immer die offizielle türkische Politik bestimmt. Heute kann man ohne weiteres zu den Ruinen ohne weiteres fahren und sie besichtigen.

Grenzfluß

Die Armenier sind seit mindestens 700 v. Chr. im Gebiet zwischen dem Hochland Ostanatoliens und dem Südkaukasus heimisch. Sie bilden das erste Volk, das das Christentum angenommen hat, während im konstantinisch-römischen Reich das noch diskutiert wurde. Zugleich sind die Armenier die Titularnation der heutigen Republik Armenien, wo sie mit Abstand den Großteil der Bevölkerung ausmachen.
Ani ist seit dem 5. Jahrhundert als armenische Festung nachgewiesen. 763 kam es in den Besitz der armenischen Bagratidendynastie, im 10. Jahrhundert entwickelte es sich zu einer bedeutenden Stadt. König Aschot III. machte Ani im Jahre 961 zur Hauptstadt seines armenischen Königreiches. Als sie 1045 den Byzantinern übergeben wurde, war die an der nördlichen Seidenstraße gelegene Stadt weithin als „Stadt der 1001 Kirchen“ bekannt und zählte mehr als 100.000 Einwohner.

Heute ist Ani eine Geisterstadt und vor allem für die noch erhaltenen Zeugnisse armenischer Architektur bekannt. Die einzigen „Bewohner“ sind nicht mehr türkische Grenzsoldaten, sondern vereinzelte Touristen und Anwohner des benachbarten türkischen Dorfes Ocaklı.

Bedroht von „Restaurierungsarbeiten“, Kulturvandalismus, Erdbeben und in jüngerer Vergangenheit auch durch Bodenerschütterungen (ausgelöst durch Sprengungen in einem Steinbruch auf armenischem Gebiet), steht die Zukunft dieses Kulturdenkmals jedoch in Frage.





Ob islamische Moschee, christliche Kirche oder Feuerkultstätte des zarathustrischen Glaubens, alle sind in Ani vertreten.
Mehr oder weniger erhalten sind Teile der doppelt ausgelegten Stadtmauer, die Kathedrale, einige Kirchen und Kapellen, die Zitadelle und ein Palast, der Ende des 20. Jahrhunderts einem „Wiederaufbau“ zum Opfer fiel.
Der armenische Ursprung und die armenische Vergangenheit der Stadt werden von offizieller türkischer Stelle jedoch verschwiegen; auf einer Hinweistafel ist nur vom „christlichen Erbe innerhalb des Osmanischen Reichs“ die Rede. Die Wörter "Armenier" oder "armenisch" tauchen auf keiner Tafel auf.
Wie lange noch?
Die Türkei ist eine Schatztruhe, sie weiß das bloß nicht.
Ani stimmt den Besucher traurig.











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