Mitternacht im Pera Palace
- Halûk Uluhan

- 1. Jan. 2016
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen

90 Jahre "Moderne Zeiten"
"Als im Pera Palace am Silvesterabend 1925 die Partygäste eintrudelten, stand ihnen eine Premiere besonderer Art bevor: Nie zuvor hatten alle Istanbullus in einem kalendarisch gleichgeschalteten Moment gelebt. Zwar hatten schon die Osmanen in der Spätphase des Reichs die westliche Nomenklatur für die Monate des Jahres übernommen, zumindest was die Datierung finanzieller Transaktionen und die Eisenbahnfahrpläne betraf, aber bei den Jahreszahlen ging auch die republikanische Regierung noch vom Jahr der Flucht des Propheten Mohammed aus Mekka als dem Nullpunkt aus. Griechisch-orthodoxe Türken richteten sich nach dem julianischen Kalender, der dem westlichen oder gregorianischen 13 Tage nachhinkte. Gläubige Juden hielten an ihrer traditionellen Jahreszählung nach dem Mondkalender fest, und fromme Moslems teilten den Tageslauf nach Sonnenaufgang, Sonnenuntergang und den Gebetsrufen des Muezzin ein.
In Reiseführern fanden sich umfängliche Tabellen für die Umrechnung von Datums- und Zeitangaben aus dem osmanischen in den vertrauten internationalen Kalender. Wie der Guide Bleu 1920 erklärte:

Nehmen wir zum Beispiel an, dass wir am 22.August herausfinden möchten, welche westliche Uhrzeit der Zeitangabe 6.45 Uhr im türkischen System entspricht. Wir folgen der waagrechten Linie [in der beiliegenden Tabelle], beginne bei der Zahl 6, bis zu der Spalte für den 22.August, und finden dort die Angabe 12.47. Addieren wir 45 Minuten dazu, ergibt sich 12.92, das entspricht 13.32 Uhr. Das bedeutet also: 6.45 Uhr im türkischen System entspricht am 22. August 13.32 Uhr nach westlicher Lesart.
Wegen der sich täglich ändernden Sonnenaufgangszeit musste die Umrechnung für jeden Tag des Jahres neu vorgenommen werden. Vermutlich passierte es mehr als nur ein paar Istanbul-Reisenden, dass, als sie eine türkische Zeitangabe endlich auf ihre europäische Uhrzeit umgerechnet hatten, der Termin, um den es ging, bereits verstrichen war. Einem Reisenden, der in Paris in den Orient-Express stieg, konnte es passieren, dass er nach seiner Ankunft in Istanbul eine Zeitung aufschlug, aus der hervorging, dass er ein halbes Jahrtausend in die Vergangenheit zurückgereist war. Doch als nun der 1. Januar 1926 mit fliegenden Papierschlangen und knallenden Sektkorken begrüßt wurde, herrschte das Gefühl vor, es beginne nicht nur ein neues Jahr, sondern eine neue Ära. Es war das erste Mal, dass alle Istanbullus sich über den Sinn des Wortes »Mitternacht« einig waren.

An alten, von den Osmanen errichteten Uhrtürmen wurden neue Zifferblätter installiert, welche die Zeit nach westlichem Modus anzeigten. Auch die Außenbezirke der Stadt erhielten bald neue Uhrtürme; die Bewohner sollten ermuntert werden, ihren Tagesablauf nach der neuen Stundenzählung einzurichten. Wenn Türken später auf die Anfangsjahre der Republik zurückblickten, erschien ihnen die Umstellung der Uhren als grandiose Metapher für die von der Regierung Mustafa Kemals eingeleiteten Reformen. Der berühmte Schriftsteller Ahmet Hamdi Tanpınar zum Beispiel karikierte in seinem epischen Roman Das Uhrenstellinstitut (1962) die Faszination, die die Zeitmessung auf seine Landsleute ausgeübt hatte, in einer Episode, in der eine übereifrige Bürokratie Strafen für Uhren festlegt, die zu langsam oder zu schnell laufen - eine Warnung an die Adresse derer, die mit der neuen Welt nicht Schritt zu halten vermochten, aber auch an jene, die ihr zu weit vorauseilten.
Die Anpassung von Uhrzeit und Kalender war nur eine in einer langen Reihe von Reformen..."

Der obige Artikel stammt nicht von mir. Er ist auch kein Artikel, sondern ein Auszug aus einem Buch, das ich bezeichnenderweise von guten Freunden zum Jahreswechsel geschenkt bekommen habe. Der junge amerikanische Professor Charles King beschert uns mit seinem Werk eine bezaubernde Zeitreise in das Istanbul des 20. Jahrhunderts.
Heute genau vor 90 Jahren hatte man das erste Mal auch in der Türkei den 1. Januar. Prost Neujahr!




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