Die Stadtmauern
- Halûk Uluhan

- 31. Okt. 2015
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen
Eine Stadt, Tausend Gesichter und 56 Tore
Eines Tages werden wohl Archäologen und Historiker über Istanbul schreiben, dass es eine Stadt war, die man im 21. Jahrhundert auf dem Landweg durch zwei Einfahrten erreichen konnte und dass man dabei eine gewisse Gebühr zahlen musste: auf der europäischen Seite an der Mautstelle bei Mahmutbey, auf der asiatischen bei Çamlıca. Es war nicht einfach und auch nicht billig, nach Istanbul zu kommen!



In der byzantinischen und in der osmanischen Zeit kostete der Eintritt zwar nichts, es konnte aber nicht jeder mit seinen Siebensachen einfach in die Stadt ziehen. Man brauchte eine spezielle Erlaubnis. Wie in jeder Polis wurden auch in Konstantinopolis nachts die Tore zugesperrt. Händler oder "Touristen", jedenfalls die Nichtbewohner der Stadt, die sich vorher rechtfertigen mussten, warum sie die Stadt besuchten, durften in Herbergen wohnen.
Die Stadt hatte 56 Tore und einen ca. 22 Kilometer messenden Mauerring, der sie wehrfähig machte. Konstantinopolis, die begehrteste Stadt, war uneinnehmbar – wie einst Troja.

Die vorchristlich-griechische Kolonie Byzantion und auch die hellenistische Polis hatten wohl eher die Grenzen des osmanischen Topkapı-Palastes mit dem Gülhane-Park und der angeschlossenen Militäranlage zusammen (blau).


Konstantin der Große erweiterte die Stadt nach Westen. Der Mauerverlauf Konstantinopels war etwa von Samatya am Marmara-Meer über Kocamustafapaşa und Fındıkzade Richtung Fener am Goldenen Horn, um mit den heutigen Quartiersbezeichnungen zu reden (rot).
Theodosius II. (der Große), der hinter den Religionsstreit einen Schlussstrich zog, indem er das Christentum zur verbindlichen Staatsreligion erkor, erweiterte die Stadt ein erneutes Mal.
Es war wohl damals schon klar, was für ein Moloch Istanbul eines Tages sein würde.
Militärhistoriker meinen, dass die
Mauer eine der bestdurchdachten und erfolgreichsten Befestigungsanlagen in der Geschichte der Kriegstechnik war. Schließlich war Konstantinopel immer bedroht, belagert und angegriffen. Ob Hunnen, Araber, Lateiner oder Türken, die Mauern mussten standhalten.
Die Theodosianischen Mauern sind heute noch in einem erstaunlich guten Zustand. Theodosius' Namen verdienen eigentlich nur die sogenannten Landmauern, die die Landverbindung der fast wie ein gleichschenkeliges Dreieck geformten Halbinsel schützten. Es ist wohl klar, dass alle Mauern im Lauf der Geschichte um- und ausgebaut wurden. Auch die uns heute bekannten Tore stammen teils aus der byzantinischen, teils aus der osmanischen Zeit.
Der kürzeste Abschnitt mit 5,5 km ist die Mauer am Goldenen Horn. Diese hatte aber die meisten Tore: insgesamt 24. Natürlich waren es Hafentore.
Die Seemauern am Marmara-Meer sind mit 9 Kilometern die längsten und hatten 18 Tore, Hafen- und Seetore wohl gemerkt.
Die 7,5 km langen Landmauern hatten 12 Tore. Einige waren nur über Holzbrücken zugänglich. Das Mauersystem bestand aus einem Graben, einer Grabenmauer (Brustwehr), einer Vormauer und einer Hauptmauer.

Die Namen der Tore und Wehrtürme haben sich im Laufe der Jahrhunderte natürlich geändert. Ursprung und Zusammenhang der Namensgebung gerieten oft in Vergessenheit. Und oft wurden neue Bezüge hergestellt. Das Quelltor – nach einem Quellheiligtum vor der Stadt – heißt heute Silivrikapi, Tor nach Silivri. Das Tor der Heiligen Barbara war nach einer Kirche so genannt und befand sich dort, wo die drei Gewässer – das Marmara-Meer, der Bosporus und das Goldene Horn – zusammenkommen. In der osmanischen Zeit wurde daraus Top Kapısı, da die dort angebrachten Kanonen den Sultanspalast schützen sollten – "top" ist die Kanone. Die wegen der Löwenfiguren so genannte Porta Leonis am Marmara-Meer, die heute Çatladıkapı (das zerplatzte Tor) genannt wird, hat sicher eine lustige Geschichte hinter sich. Der Turm am mittlerweile hässlich gentrifizierten ehemaligen "Zigeuner"-Viertel heißt Sulukule – und das Quartier auch: ein Turm mit Wasser?

A propos Wasser!
Heute fährt man ja um die ganzen Stadtmauern herum. Am Goldenen Horn und am Marmara-Meer gab es aber keine Straßen. Die Wogen des Meeres umspülten das alte Gemäuer – bis ins 20. Jahrhundert. Man sollte sich die Kaistraßen wegdenken, wenn man sich Alt-Konstantinopel vorstellen will.
Wollte ein Konstantinopolitaner an einem heißen Sommertag mal baden, so musste er wohl über die Mauer klettern.














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