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Aus gegebenem Anlaß

  • Autorenbild: Halûk Uluhan
    Halûk Uluhan
  • 16. Jan. 2016
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Hippodrom und der mahnende Zeigefinger von Thutmosis

Das Herz des touristischen Trubels in Istanbul ist die spätrömische Pferderennbahn - das Hippodrom. Was Markusplatz für Venedig, Place de la Concorde für Paris, Trafalgar Square für London bedeuten, bedeutet der Sultanahmet-Platz für Istanbul, genannt nach der Moschee.

Es war das sportliche und soziale Zentrum der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches. Dort, wo heute die so genannte Blaue Moschee (Sultanahmet) steht, war der Kaiserpalast mitten in einem großen Regierungsbezirk, der bis hinunter ans Marmaraufer reichte. Das war das politische Zentrum der Stadt. Die Hagia Sophia als religiöses Zentrum stand immer da, wo sie ist.

In diesem Dreieck spielte sich das Leben ab: Spiele, Kirche, Palast - in beliebiger Reihenfolge.

In der christianisierten Epoche des Römischen Reiches, was wir heute Byzantinisches Reich nennen, ersetzten Pferde- und Wagenrennen die brutaleren Gladiatorenkämpfe und Tierhatz in den römischen Arenen. So waren Hippodrome verbreitete Bauten in größeren Städten.

Nicht alle Tage fand hier etwas statt. Die Anlage war für Gaukler, Akrobaten, Sportler, Musikanten, Theatertruppen zugänglich. An jeder Ecke bot einer seine Künste und ging dann mit der Mütze herum. Ab und zu war auch eine halbe Hetäre dabei, die ihre Blößen gezeigt hat, um dafür belohnt zu werden, wie z.B. die Theodora, die sich unter der Regentschaft des alten Justinian zur Kaiserin emporgeschlafen hat.

Die unter Septimus Severus in den Jahren 195-203 ausgebaute Anlage wurde unter späteren Kaisern weiter verschönert - so unter Konstantin und unter Theodosius. Der letztere wird auch im Zusammenhang mit den Monumenten auf der Mittelachse gennant. Eines ragt besonders heraus: der ägyptische Obelisk.

Der rund 3500 Jahre alte Monolith aus Rosagranit stand ursprünglich im Tempel von Karnak in Luxor am Nil und wurde während der Regierungszeit Thutmosis III. um 1490 v. Chr. errichtet. Ursprünglich war er mehr als 32 Meter hoch, so groß wie der Lateranische Obelisk, der heute in Rom steht.

Der Marmorsockel ist ein Werk der Konstantinopolitaner und zeigt an allen Fronten Aufschlußreiches über Theodosius, seine Ära und über das Leben auf diesem belebten Platz.

Unter dem Kaiser Justinian, im Januar des Jahres 532, schrieb die byzantinische Geschichte hier im Hippodrom eine der dramatischsten Volkserhebungen der Welt, den Nika-Aufstand. Die ganze Stadt brannte tagelang. Unter anderem ging auch die Kirche der göttlichen Weisheit, die Hagia Sophia, in Flammen auf. Der 6-Tage-Aufstand endete mit einem Massaker. Die im Hippodrom eingekesselten Rebellen hatten keine Chance mehr - 30.000 Menschen wurden hier umgebracht und gleich verscharrt - im Dreieck Spiele-Kirche-Palast.

Ein byzantinischer Kaiser, Andronikos Komneneos, der die Aristokratie abschaffen wollte, wurde 1185 auf diesem Platz gelyncht. In alten Städten von weltgeschichtlicher Bedeutung ist jede Ecke ein Tatort.

In der osmanischen Zeit wurde das Hippodrom eher zu einem Platz für Volksbelustigungen. Auf die Trümmer des Kaiserspalastes und der Südtribünen wurde die "Blaue Moschee" gebaut. Die Ruinen der Nordtribünen bildeten das Fundament des İbrahim-Paşa-Palastes. Die Hagia Sophia wurde eine Moschee und der Sultanspalast "Topkapı" entstand gleich dahinter. Die Tradition Palast-Religion-Festplatz war aufrechterhalten.

Über 1100 Jahre nach dem Nika-Aufstand, wurde Atmeydanı (Pferdeplatz) zum Schauplatz eines anderen Massakers. In die Geschichte eingegangen ist der Vorfall mit dem interessantan Namen Vaka-i Vakvakiye (der Fall Vakvak), eine Anspielung auf den "Redenden Baum Waqwaq". Der Baum, dessen Früchte Menschenform haben, kommt in vielen asiatischen Mythologien vor.

Diesmal haben die aufständischen Soldaten im osmanischen Reich ihre Opfer an eine Platane gehängt. Nach dem Kreta-Krieg (1645-1669) ging es dem osmanischen Reich finanziell schlecht und man mußte sparen. Gespart wurde unter anderem am Sold der Soldaten. Der Goldanteil der Soldmünze war gering gehalten, und die Händler in Istanbul akzeptierten diese "rote Münze" mit mehr Kupferanteil nicht. Die gerade kriegsmüden Soldaten forderten die Bestrafung der Verantwortlichen. Mehr als dreißig tote Körper hingen an der berühmten Platane, die dem Kaiser-Wilhelm-Brunnen weichen mußte. Er hieß Vakvak-Baum.

Fast alle Janitscharen-Revolten gingen von hier aus.

Fast alle Sultansabsetzungen wurden hier verkündet.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das, was vom Osmanischen Reich übrigblieb, unter den Siegermächten aufgeteilt und sie besetzten nach und nach das Land. Am 23. Mai 1919 wurde auf dem Sultanahmet-Platz eine Großkundgebung veranstaltet. Eine Frau, eine Intellektuelle, Halide Edip stand am Rednerpult und heizte die Menge gegen die Fremdbesatzung an. Mustafa Kemal hatte gerade vier Tage vorher Istanbul heimlich verlassen und sich in die unbesetzten Gebiete abgesetzt, um den Befreiungskampf zu organisieren.

Mit der Hippie-Generation Ende der 1960-er Jahre wurde der Platz zum Parkplatz bunter VW-Busse. Die Blumenkinder lagen auf dem Rasen, spielten Gitarre und sangen. Die skurrilen Typen, die sich zum Teil sehr freizügig verhielten, waren neu für die Istanbuler.

In den letzten Jahren herrscht am Sultanahmet-Platz immer mehr eine fromme Stimmung, die sich besonders im Fastenmonat Ramadan bemerkbar macht. Die Predigt aus der Blauen Moschee wird per Lautsprecher nach außen übertragen - auch in Englisch. Religion ist da, nach wie vor. Der Palast steht mittlerweile in Ankara. Und der Platz ist Spielwiese des Tourismus geworden.

Bis zum 12. Januar 2016.

An jenem Tag ging am Thutmosis-Obelisken eine Bombe hoch. Menschen starben.

Der Obelisk scherte sich keinen Millimeter um die Explosion. Vor 3500 Jahren wurde er gefertigt. Seit mehr als 1500 Jahren steht er dort, wo er heute noch steht - wie ein mahnender Zeigefinger.

Wir trauern um die Opfer.


 
 
 

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