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Salzwasser

  • Autorenbild: Halûk Uluhan
    Halûk Uluhan
  • 30. Sept. 2015
  • 3 Min. Lesezeit

Landung bei Trotzki

Der Herbst zeigte sich heute von seiner winterlichsten Seite in Istanbul: Kälte, Regen und stürmischer Nordwind.

Cicerone leistete all dem Widerstand und fuhr nach Büyükada, auf die größte der Prinzeninseln: Prinkipo. Wetterbedingt war es relativ ruhig. Grund des Cicerone-Ausfluges war die Istanbuler Kunstbiennale, die zur Zeit in Istanbul an wassernahen Orten über die Bühne geht. Hier auf Büyükada hat die Biennale auch einige interessante Räumlichkeiten ins Konzept einbezogen - wie zum Beispiel das Trotzki-Haus.


Trotzki? Ja, Leo Trotzki, der großartige russische Revolutionär fand 1929-1933 in der jungen Republik Türkei Asyl und lebte streng bewacht. Hier schrieb er nicht nur seine Autobiografie, sondern auch die drei Bände umfassende "Geschichte der Russischen Revolution".

Einige Quellen meinen, daß Trotzki zunächst in der "Villa Arap İzzet Paşa" (oder Villa Blacque Bey) gewohnt hat. Dort hatte er einen Barba Francesco zum Diener genommen, nachdem er sich vergewissert hatte, daß der gute alte Barba zu neunzig Prozent taub war. Er hatte die überflüssigen Fenster zunageln lassen. Von einem großen Schreibtisch und Bücherregal ist auch die Rede. Nach einem Brand verließ Trotzki diese Villa und zog für eine kurze Dauer nach Moda, einem schmucken Viertel in Kadiköy. Die "Villa Yanaros", wo er sich schließlich eingemietet hatte, war sein drittes Domizil im türkischen Exil. Das backsteinrote Haus gehörte einem griechischen Banker aus Galata, dem Konstantinos Ilyaskos . Andere Quellen meinen wiederum, gerade dieses Haus ginge in den Besitz eines "Arap İzzet Paşa" über.

Der Architekt des Jahres 1884 war wieder ein Grieche: Nikolas Demades. Hier wohnte der Revolutionär und Stalingegner die restliche Zeit seiner Verbannung, bis er auf abenteuerliche Weise über Frankreich und Norwegen nach Mexiko kam.

Trotzki fischte gern. Ob am hauseigenen Kai, oder von einem kleinen Boot aus, war gleichgültig. Das Fischen hat ihn immer sehr beruhigt. Es war ein Gänsehautgefühl für Cicerone, heute die selben Stufen zum Kai betreten zu haben, wie einst Trotzki.

Auf Empfehlung des Schriftstellers Orhan Pamuk soll dieser Ort für die Biennale in Frage gekommen sein. Jedenfalls kennen sich die Kuratorin und der Künstler schon seit der 2012-er dOCUMENTA (13):

Carolyn Christov-Bakargiev (Jahrgang 1957) und Adrián Villar Rojas (Jahrgang 1980).

Der Ort ist faszinierend. Ein verfallenes Haus und dessen dschungelartiges Umfeld. Man geht durch den überwucherten Garten, steil abwärts, Richtung "Salzwasser". Auf einmal öffnet sich eine Tür ins Meer... Der junge, schmächtige argentinische Künstler Rojas nennt sein Werk "Die schönste aller Mütter"... Es sind gigantische Tierskulpturen aus Holz, Stein, Zement und Lehm, die starr und still aus dem Meerwasser kommen, um an der Trotzki-Villa anzuklopfen.

Egal, ob Rojas seine eigenen Mutterkomplexe zum Ausdruck bringt oder uns über Mutter Natur zum nachdenken zwingen will, sein Werk an dieser Stelle in dieser Darbietungsart ist imponierend. Die Tiere in Naturgröße tragen wohl ihre Vergangenheit als Last auf dem Rücken.


Als harmlose türkische Fischer getarnt, näherten sich manchmal russische Agenten der Villa, als Trotzki sich hier noch weilte. Ob er diese Tierfiguren für Stalin-Agenten gehalten hätte? Wohl kaum, denn der wortkarge, kunstbewußte Revolutionär war noch sehr bei Sinnen.

Georges Simenon hat ihn damals hier interviewen dürfen und schrieb über die Umgebung, daß viele Häuser inmitten schöner Gärten zu verkaufen wären. Im Buch "111 Orte in Istanbul, die man gesehen haben muß" zitiert der Autor Marcus X. Schmid den Trotzki-Zeitgenossen Simenon und schreibt "... schließlich steht man vor dem rosafarbenen Haus: heruntergekommen, unbewohnt, wild wuchernde Vegetation - aber kein Schild, daß es zu verkaufen wäre."

Bei der nächsten Auflage des Buches wird er diesen Satz wohl revidiert haben. Die Trotzki-Villa ist mittlerweile zu verkaufen!

Im Buch: Ort 103

 
 
 

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