Kaffee
- Halûk Uluhan

- 7. Aug. 2015
- 4 Min. Lesezeit
Schlürfend in die Zukunft sehen
In der Türkei wächst kein Gramm Kaffee. Nicht die Bohne!
Der „türkische“ Kaffee kam stets aus den südarabischen und afrikanischen Ländern, die entweder Territorien oder Vasallenstaaten des Osmanischen Reiches waren. Mocca ist eine Hafenstadt zum weltweiten Verschiffen von Kaffeebohnen. Mocca liegt am Roten Meer und nicht am Bosporus. Da die Türken die arabische Zubereitung des pulverfein gemahlenen Kaffees, des Mokkas, etwas modifizierten, hat sich die Bezeichnung „Türkischer Kaffee“ durchgesetzt, zumal mit den europäischen Territorialansprüchen des Osmanischen Reiches (Wiener Belagerung) der Kaffee seinen Weg nach Europa fand. Die Kaffeehaus-Kultur im Osmanischen Reich und diejenige in Wien haben viele Gemeinsamkeiten.

Die Zubereitung ist nichts für den ungeduldigen Europäer. Die Aufzählung der Zutaten beginnt mit „man nehme sich Zeit“.
Sehr wichtig zu wissen: Der türkische Kaffee wird nicht gekocht! Er wird erhitzt! Der Unterschied ist groß. Der Kaffee ist staubfein und führt wahrscheinlich deshalb zur größten denkbaren Menge Kaffein pro Tasse, die man aus den Kaffeebohnen brauen kann. Der Prozess muss langsam gehen. Daher ist das Erhitzen auf kleiner Flamme (heißer Sand, glühende Asche von Holzkohle) und die Verwendung kalten Wassers (damit der Prozess noch länger dauert) von größter Bedeutung.

Man verwendet ein Kännchen mit Stiel (cezve), gibt mit den Tässchen (fincan) abgemessenes kaltes Wasser hinein, pro Tässchen einen Teelöffel gehäuften Kaffee und Zucker nach Wunsch. Bei wenig (az şekerli) ein Viertel von einem Zuckerwürfel, bei mittelmäßig gezuckert (orta) einen halben, bei gezuckert (şekerli) eben einen ganzen Zuckerwürfel. Der Kaffee muss während des Erhitzens öfters gerührt werden und darf nicht aufschäumen. Auch vor dem Einschenken sollte man ein letztes Mal rühren, damit der Satz sich verteilt und der Kaffee in der Tasse eine helle, feine Schaumschicht bekommt, wie bei einem guten Espresso. Schlürfen ist erlaubt. Das ist die orientalische Kühlung bei heißen Getränken.

Wer Milch dazu haben will, wird komisch beäugt. Es gibt keinen türkischen Kaffee mit Milch! Aber, man bekommt ein Gläschen Wasser dazu. Hier streiten sich die Geister. Wozu das Wasser? Ich meine, um vorher den Mund zu spülen, damit man den Kaffee hinterher voll genießen kann und nicht um den Kaffeegeschmack wegzuspülen. Der ist ja gut im Mund.
Medizinische Erklärung ist: Kaffe dehydriert den Körper - also muß für Ausgleich gesorgt werden. So entstanden in der Geschichte tatsächlich die Eß- und Trinkgewohnheiten. Zum Beispiel, überall dort, wo scharf gegessen wird, nimmt man zum Ausgleich Grünzeug dazu - für Magenflora.
Ein bisschen Kaffeesatz kann man mit dem letzten Schluck noch auf der Zunge zergehen lassen – der Rest bleibt am Tassenboden. Wozu ist dieser Satz noch gut? – Für „Fal“, die Zukunftsvorhersage.

Der Mensch wollte schon immer wissen, was mit ihm morgen passiert. So lässt man hier aus dem Kaffeesatz die Zukunft lesen. Gewiefte Türkinnen aus dem gelangweilten Hausfrauenmilieu wissen, daraus ein kleines Geschäft zu machen. Man will ja wissen, ob man die Liebe seines Lebens finden wird, wenn ja, in welchem Zeitraum. Auf jeden Fall in „drei Zeiträumen“, denn aller guten Dinge sind auch in der Türkei drei. Der Onkel geht auf Reisen. Zwei neidische Frauen reden schlecht hinter Mutters Rücken – eine dürre und eine dicke. In der Familie ist bald ein glückliches Ereignis – vielleicht ein Baby – in drei Zeiträumen natürlich.
Egal, ob man nur Spaß daran hat oder wirklich daran glaubt: Hauptsache, die Konversation stimmt. „Glaube nicht an Fal, aber lebe auch nicht ohne“ ist ein beliebtes Motto.
Was ist nun Mokka? Mocca liegt im heutigen Jemen, dem einstigen Hauptkaffeelieferanten für die Türken. Die Machart Mokka ist genauso. Nur die Türken haben den Mokka etwas "getürkt" und Zucker schon beim Kochen dazu gegeben. Die hartgesottenen trinken ungezuckert (sade).
Manchmal liegt auch ein süßes Würfelchen neben der Tasse: ein Stück "Lokum", für den Fall, daß der Kaffee doch nicht süß genug war. Lokum ist Thema eines anderen Beitrags. Manche Häuser wollen sich besonders schick zeigen, wenn sie "etwas Grünes" mitservieren. So drückte sich jedenfalls eine Touristin im Internet aus. Sie hat nicht ganz unrecht. Dieser Pfefferminzlikör gehört wirklich nicht dazu und gilt mittlerweile als Kitsch aus Großmutterzeiten. Likör ist halt Likör und kein Alkohol! Hartgesottene meinen wieder: Ein Schnaps ginge durchaus!



Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von 400 Gramm gehört die Türkei heute weltweit zu den Schlusslichtern; sie belegt den 107. Platz. (Deutschland mit 6,4 kg auf dem 12. Platz). Gebietsverluste des Osmanischen Reiches machen sich bemerkbar. Woraus wird denn heute der „türkische Kaffee“ gemacht? Aus den importierten Bohnen der Anbauländer natürlich, ob Äthiopien oder Guatemala. Die Türkei importiert jährlich 15.000 Tonnen Kaffee, Deutschland 1 Million Tonnen. Der Tee hat hier den Kaffee abgelöst. Eindeutig.


Die früheren Kaffeehäuser, wo Männer dazu ihre Wasserpfeife brodeln ließen, heißen heute immer noch "Kahve" - im Sinne eines sozialen Treffpunktes - doch gibt es dort heute hauptsächlich den Tee - Çay!
Der Kaffee hat fast alle Bereiche des Lebens eingenommen - er ist ein soziales Getränk. Wenn man um die Hand einer Braut anhalten will, ist die Zeremonie auch mit Kaffee verbunden. Eine alte Weisheit lautet sinngemäß: „An eine Tasse Kaffee erinnert man sich noch vierzig Jahre“. Damit wird die kommunikative Rolle des gemeinsamen Kaffeetrinkens und der Unterhaltung betont. Schön, aber heute?
Die Türken haben nie ihre kulturellen Werte verteidigt – auch beim Kaffee nicht. Das Volk, das einst Europa den Kaffee brachte, steht jetzt vor der Starbucks-Kasse an – für den selbst abgeholten „Americano“ im Pappbecher – „To Go“, ohne Unterhaltung.




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