Kars I
- Halûk Uluhan

- 3. Feb. 2016
- 4 Min. Lesezeit
Nicht alles ist Antalya!
"Bevor es in Istanbul geschneit hat, ist der Winter noch nicht da!" Dieser vorwurfsvolle Satz wird zu Recht von Menschen aus der Osttürkei benutzt, um auf die Missstände in ihrer Region aufmerksam zu machen. Wenn es in Istanbul schneit, gibt es Verkehrschaos, und die Kinder haben schulfrei. Alle beklagen sich über Kälte, Schnee und Glatteis. Aber das hat man im Osten sechs Monate lang. Ende Oktober fällt dort der erste Schnee und bleibt bis April liegen.
Mancher Tourist wundert sich, wenn er von schneebedeckten Landschaften in der Türkei hört - oder von bewaldeten Gebieten. Dabei genügt ein Blick auf die Weltkarte. Die Türkei liegt genauso südlich wie Spanien und auf dem selben Gebirgsgürtel der Alten Welt: vom Atlantik bis zum Pazifik.
Dass das Land sieben unterschiedliche geographische Zonen hat und somit wie "ein auf 780.000 Quadratkilometer zusammengeschnürter Kontinent" ist, wird auch den wenigsten bekannt sein. Diesen Ausdruck benutzte einst der Erlanger Erdkundeprofessor und großartiger Türkeikenner Wolf-Dieter Hütteroth.
Ja, es gibt auch Schnee und Frost hier. Und wie!
Cicerone hat im Januar eine Bahnreise unternommen: insgesamt 1941 Kilometer durch die Türkei. Zuerst mit einer Schnellbahn von Istanbul (Pendik) nach Ankara. Diese 576 km lange Fahrt dauert ca. 4:30 Stunden. Natürlich ist das kein Vergleich zu deutschen, französischen oder gar japanischen Hochgeschwindigkeitszügen. Nach einem einstündigen Aufenthalt am Hauptbahnhof Ankara geht es mit dem Doğu Ekspresi weiter: 1365 km stehen bevor. Die Fahrt dauert regulär 24:30 Stunden. Ein Schlafwagenabteil ist empfehlenswert.
Abfahrt ist 18:00 Uhr in Ankara. Im Dunkeln fährt man über Kırıkkale nach Kayseri, dann wieder hoch Richtung Sivas. Wenn der Tag anbricht (man fährt der Sonne entgegen), ist man um diese Jahreszeit etwa auf der Höhe von Divriği.


Eine weiße ostanatolische Landschaft zieht am Fenster vorbei, während man seinen Tee aus einem kleinen Samowar in der Hand hält. Man passt sich an. Wenn man zum Schaffner des Schlafwagens nett ist, gibt es nicht nur Tee, sondern einiges mehr. Aber das Angebot ist insgesamt sehr begrenzt - auch im Zug Doğu Ekspresi. Doğu heißt Ost- oder Osten. Und der Osten der Türkei gilt seit je her als mahrumiyet bölgesi, als ein Gebiet der Entbehrungen und der Not. Das fängt schon unterwegs an.

Die Fenster der Eisenbahntüren waren gegen Abend schon zugefroren. Relativ kurz vor Kars blieb der Zug längere Zeit stehen, weil vor uns ein nicht mehr fahrtüchtiger Güterzug seit Stunden auf eine Ersatzlok aus Kars wartete und sie auch endlich bekam. Unser Zug stand aber nicht absolut still, sondern bewegte sich auf der Stelle immer ruckartig hin und her, damit die hydraulischen Leitungen des Zuges nicht frieren. Im Nu wird Wasser zu Eis.

Mit den "regulären Verspätungen" kommt man schließlich nach 36 Stunden Bahnfahrt quer durch die Türkei in Kars an. Der erste Eindruck: sehr kalt!

Apostelkirche (heute Moschee) und Zitadelle aus dem typischen, basalthaltigen Kars-Stein
Auf einer Höhe von 1768 Metern hat diese Garnisonstadt viel zu erzählen.
Vor Ani war Kars im 10. Jh. die Hauptstadt des bagratidisch-armenischen Königreiches. Im 11. Jahrhundert wurde Kars von seldschukischen Türken und im 13. Jahrhundert von Mongolen erobert. 1387 zerstörte Tamerlan die Stadt.
Die osmanischen Türken konnten sich erst im 16. Jh. um den Osten kümmern - die Gegend wurde Teil des Osmanischen Reiches. Die 1152 erbaute Zitadelle hat viel mitgemacht und sowohl den Persern, als auch den Russen standgehalten.

Im Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 wurde die Festung während der Schlacht von Kars abermals gestürmt und schließlich mit dem Frieden von San Stefano (Aya Stefanos, heute Yeşilköy in Istanbul) an Russland abgetreten. Daraufhin verließen 82.000 Muslime die Stadt und emigrierten in das Osmanische Reich. Gleichzeitig wanderten viele Armenier, Griechen und Russen aus der Türkei und dem Kaukasus in die Region um Kars.

Kars wurde eine russische Oblast und erhielt ein stolzes Wappen, worauf unter der Zarenkrone eine Stadtbefestigung aus dem schwarzen Stein zu sehen war - durchstochen von drei Schwertern.
Nach dem russischen Zensus von 1892 stellten die Russen 7 %, Griechen 13,5 %, Kurden 15 %, Armenier 21,5 %, Türken 24 %, Karapapaken 14 % und Turkmenen 5 % der Bevölkerung der Oblast Kars.
Als im Jahr 1915 die osmanische Armee unter deutscher Leitung die Armenier nach Süden deportierte, war Kars in russischer Hand.
1918 brachte der Frieden von Brest-Litowsk neue (Un-)Ordnung in die Region:
Kars wurde wieder türkisch: Die „Südwest-Kaukasische Republik“ wurde ausgerufen - die erste Republik der Türken! Anatoliens erste multikulturelle, demokratische und unabhängige Republik, die auf dem Prinzip der Brüderlichkeit der Völker basierte und von der offiziellen Geschichte geringgeschätzt wurde.

Flagge eines Staates, von dem keiner etwas gehört hat
Die Briten brauchten eben lange von Batumi bis nach Kars. Als sie ankamen, schickten sie die Führung dieses kurzlebigen Staates nach Malta ins Exil und übergaben das Gebiet den Armeniern. Auf türkischer Seite war ja ein Machtvakuum. Der letzte Sultan war abgehauen, das Restland eben besetzt und eine Befreiungsbewegung war im Kommen.
Infolge des Türkischen Befreiungskriegs gab die noch zu gründende Türkei am 23. Oktober 1921 mit dem Vertrag von Kars alle Ansprüche auf Batumi auf und erhielt im Gegenzug Kars, Artvin und Ardahan. Der Vertrag wurde in einem Eisenbahnwagen unterzeichnet, der heute im Museumsgarten steht.


Zitadelle ca. 1930, Familienalbum Haluk Uluhan

Der 2. Staatspräsident Ismet Inönü besucht die Zitadelle, ca. 1940, Familienalbum Haluk Uluhan

Russische Stahlbrücke über dem gefrorenen Bach, im Hintergrund die Zitadelle
Als Stadt im Schnittpunkt armenischer, georgischer, griechischer, russischer und türkischer Kultur vereint Kars eine Vielzahl von Architekturstilen. Vor allem aber prägt die russische Architektur vom Ende des 19. Jahrhunderts die Stadt. Manchmal fühlt man sich wie in Russland oder im Baltikum.



Oben: Militärkirche Alexander Nevsky, heute Moschee - Unten: Originalzustand






Die Stadt zählt heute etwas mehr als 100.000 Einwohner. Natürlich wohnen sie nicht alle in so schönen Häusern. Und das Bausündenungeheuer hat auch hier gewütet.
Die südwestkaukasische Stadt Kars ist faszinierend.
Der zweite Eindruck: Es ist sehr, sehr kalt!





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