Cicerone-Monatsprogramm: August
- Halûk Uluhan

- 29. Aug. 2015
- 3 Min. Lesezeit
Märkte und Basare von Istanbul
Für Touristen ist „Basar“ Ein Zauberwort mit Magnetwirkung. Dabei heißt es nichts anderes als Markt. Andere Schreibweisen sind „Bazar“ und „Bazaar“. In beliebten Urlaubsregionen wie zum Beispiel im Raum Antalya ist dieses Wort in riesengroßen Lettern angebracht an riesengroßen Schildern an riesengroßen Masten. Rein zufällig stehen diese gegenüber von Hotelreihen am Strand auf der anderen Straßenseite und meinen die Ramschläden.
Den Unterschied zwischen einem echten und einem unechten Basar kann man sich eigentlich leicht merken: der echte braucht kein Hinweisschild, denn die Einheimischen wissen wo er ist.
In einem Basar findet man alles - alles fürs Leben, vom Schnuller bis zum Leichentuch. Das Wort kommt aus dem Persischen. Genauso wie dem sinnverwandten Wort „Bedesten“ oder „Bedestan“ liegt hier „Bez“ zugrunde, was einfach Stoff heißt – im Sinne von Textilien. Gemeint ist also ursprünglich der Handel mit wertvollen Stoffen.


Ein Basar muss nicht unbedingt ein überdachter Bau sein, obwohl so einer das Zentrum des Basars bildet. Man nennt auch ganze Stadtteile, ganze Gassensysteme Basar. In der Nähe ist bestimmt auch eine Moschee. Na, wo war das Zentrum einer europäischen Stadt? Nicht etwa die Kirche und der Marktplatz?

Ein Kennzeichen orientalischer Basare – in manchen arabischen Ländern souq (suk) genannt - ist die Branchensortierung. So sind Geschäfte, die Waren derselben Kategorie verkaufen aneinandergereiht. Für den Europäer oft unverständlich, dass alle Schuhverkäufer an einer ganzen Basarstraße angesiedelt sind, und an einer anderen die Stoffhändler. Aber in Europa war es doch bis zur Industrialisierung auch nicht anders. Es gab ganze Gildenstraßen: Tuchergasse, Huterstrasse, Schmiedsgasse usw.. Jetzt ist dort Gebietsschutz das oberste Gebot, damit ja kein Konkurrent in die Nähe kommt. Ein weiteres Kennzeichen des orientalischen Basars ist die funktionale Verflechtung von Groß- und Einzelhandel.
Elias Canetti schreibt in seinem 1967 erschienenen „Die Stimmen von Marrakesch“ über die Suks:
„Neben den Läden, wo nur verkauft wird, gibt es viele, vor denen man zusehen kann, wie die Gegenstände erzeugt werden. So ist man von Anfang an dabei, und das stimmt den Betrachter heiter. Denn zur Verödung unseres modernen Lebens gehört es, dass wir alles fix und fertig ins Haus und zum Gebrauch bekommen, wie aus hässlichen Zauberapparaten.“


Konstantinopel oder Istanbul: Diese Stadt war und ist ein wichtiger Warenumschlagplatz. Nach der Eroberung 1453 wurde auch gleich daran gedacht, das Wirtschaftsleben auf die Beine zu stellen. Dir kriegerischen Auseinandersetzungen und die lange Belagerung durch die Türken haben der byzantinischen Wirtschaft Großen Schaden zugefügt. Das Leben stand fast still. So entstand „Der Große Basar“, was die Türken „Kapalı Çarşı“ nennen, also überdacht. Dieser alte „Shopping Mall“ erstreckt sich über 31.000 m² und beherbergt rund 4000 Geschäfte mit den verschiedensten Angeboten. Er zählt natürlich zu den Hauptattraktionen der Stadt. An zweiter Stelle kommt der „Ägyptische Basar“ oder der Gewürzbasar am Goldenen Horn. Im und um diesen Basar werden hauptsächlich Gewürze, Süßigkeiten, Nüsse wie Aufschnitt. Es ist fast immer voll dort.



Der Istanbul-Besucher sollte aber das ganze Straßennetz vom höher gelegenen Großen Basar bis hinunter zum Ägyptischen nicht links liegen lassen: Über Mercan und Mahmutpaşa nach Tahtakale. Wer Muße hat, sollte in die versteckten Han-Gebäude gehen und vielleicht einen Tee trinken. Ein Han ist so etwas wie eine Karawanserei in der Stadt, eine Markthalle, ein Handelshof – oft mit Herberge in den oberen Etagen.



Ein ganz interessanter Basar – eher für Männer – ist auf der Nordseite des Goldenen Horns: Von Karaköy aus westwärts. Er heißt „Perşembe Pazarı“, also der Donnerstag-Markt, ist aber Mi-Sa im Betrieb. Hier werden Eisenwaren feilgeboten. Und die Händler kennen sich in dem, was sie verkaufen, bestens aus. Ein Baumarkt unter freiem Himmel.
Fast in jedem Stadtteil findet an einem bestimmten Wochentag ein Wochenmarkt statt. Diese Märkte werden jedoch immer seltener. Die Realität des Metropolitanlebens drängt sie zurück.

Im Buch: Ort 22

Der älteste und berühmteste dieser Märkte ist der Mittwoch-Markt im religiös-konservativen Stadtteil Çarşamba, der ebenso Mittwoch heißt. Eingebettet ist der Markt im Gebiet der Fatih-Moschee. Man kann sich nach der Moschee orientieren.

Im Buch: Ort 60

Ein anderes Ergebnis des Großstadtlebens ist aber ein relativ junger Markt, der sonntags im Stadtteil Kasımpaşa stattfindet – also wenn die Stadtbewohner ihren freien Tag haben und industriell veredelte Nahrungsmittel nicht mehr mögen und sich nach „Natürlichem“ sehnen. Abhilfe ist der Kastamonu-Markt, der von Bauern aus Kastamonu an der Schwarzmeerküste jeden Sonntag hier aufgebaut wird. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie sonntags in dieser Gegend viele Kleinlaster sehen mit dem Kennzeichen 37. Das ist Kastamonu.
Der Rubel muss rollen, auch in Istanbul.




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