top of page

Plati-Reminiszenzen

  • Autorenbild: Halûk Uluhan
    Halûk Uluhan
  • 26. Mai 2021
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

Deutsche Spuren in der Türkei - I

Plati, eine der kleineren Inseln der Prinzeninseln im Marmarameer, nennen wir auf Türkisch Yassıada. Schon ihr Name erinnert an ihre flache Gestalt. Doch diese ohnehin flache Topografie wurde durch die Entwicklungen der letzten Jahre noch weiter eingeebnet. Heute ist sie keine Militärinsel mehr; auch nicht mehr jene unheimliche Insel, auf der nach 1960 Mitglieder der Demokratischen Partei vor Gericht gestellt und hingerichtet wurden. Die neuen Machthaber des Landes haben sich vorgenommen, aus ihr eine „Insel der Demokratie und Freiheiten“ zu machen.

Wie viele andere Inseln war auch dieser Ort im Byzantinischen Reich eine Stätte der Verbannung. In osmanischer Zeit hingegen blieb Yassıada weitgehend unbeachtet. Den Wohlhabenden, die auf den anderen Inseln Villen und Herrenhäuser bauen ließen, mag sie zu abgelegen, zu einsam, vielleicht auch zu karg erschienen sein.

In Istanbul lebte einst ein britischer Botschafter mit einem sehr langen Namen: William Henry Lytton Earle Bulwer, 1. und letzter Baron Dalling and Bulwer of Dalling. Im Jahr 1857 erwarb er Yassıada. Er träumte davon, dort ein Sommerschloss im angelsächsischen Stil errichten zu lassen.



Es waren Jahre, in denen Istanbul sich sichtbar veränderte. Die Ufer des Bosporus, Dolmabahçe und die angrenzenden Hügel, Galata und Pera glichen vielerorts einer großen Baustellenlandschaft. Mit dem neuen Palast reihten sich auch die ausländischen Botschaften wie Perlen an einer Kette aneinander. Doch diese Urbanisierung nach europäischem Vorbild brachte ein großes Problem mit sich: Es fehlte an Fachkräften. Es fehlte an technischer Erfahrung, an Ausrüstung und an Menschen, die größere Steingebäude planen und errichten konnten. Die muslimischen Türken waren in der zivilen Architektur vor allem Meister der Holzbauweise.

Der Bauboom in Istanbul und der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften führten zu einer Art „Braindrain“ aus Europa, besonders in den Bereichen Architektur und Ingenieurwesen. Auch ein junger deutscher Ingenieur kam damals nach Istanbul. Er litt an Tuberkulose, und seine Ärzte hatten ihm die heilsame Luft am Bosporus empfohlen.

Bei Empfängen in den ausländischen Botschaften trat dieser junge Mann bald in Erscheinung. Dort lernte er den englischen Botschafter mit dem langen Namen kennen und erhielt den Auftrag, dessen Schloss auf Yassıada zu bauen. Auch andere ausländische Botschafter betrauten ihn bald mit kleineren und größeren Arbeiten. In kurzer Zeit wurde er in bestimmten Kreisen bekannt, geschätzt und gern gesehen.

Schließlich drang sein Name bis in den Palast vor. Großwesir Fuad Pascha ließ ihn zu sich rufen und übertrug ihm einen staatlichen Auftrag: die Vermessung und Planung einer Straßenverbindung von Istanbul nach Izmir.

Der deutsche Ingenieur nahm einige Helfer mit, machte sich zu Pferd auf den Weg und begann mit topografischen Untersuchungen. Als er 1865 in der Gegend von Dikili ankam, sah er, wie Einheimische Marmorstücke vom Gipfel eines Hügels hinunterrollen ließen, um sie anschließend in Kalköfen zu verbrennen. Er zeichnete diese Marmorstücke und schickte die Zeichnungen an seine Archäologenfreunde in Berlin. Dort, auf jenem Hügel, befand sich die Akropolis der antiken Stadt Pergamon, des heutigen Bergama.

Sein Name war Carl Humann.



Carl Humann schloss die Straßenbauarbeiten ab, erholte sich gesundheitlich und begann, mit Archäologen und Kunsthistorikern aus Deutschland zusammenzuarbeiten. Nach und nach wurde auch er als Archäologe anerkannt. Er heiratete, ließ sich in Izmir nieder und bekam Kinder, die auf osmanischem Boden aufwuchsen und ausgezeichnet Türkisch sprachen.

Sein Sohn Hans besuchte in Deutschland Militärschulen und wurde Marineoffizier. Hans sprach nicht nur Türkisch; er kannte auch die Sitten und Gebräuche des Landes sehr gut. In gewisser Weise war er ein Levantiner. Er konnte fluchen wie ein Seemann und sich zugleich wie ein Gentleman benehmen.



Der junge Marineoffizier Hans Humann wurde Kapitän der „Loreley“, des Stationsschiffes der deutschen Gesandtschaft in Istanbul. Immer wenn der Kaiser mit der kaiserlichen Yacht „Hohenzollern“ nach Istanbul kam, begleitete ihn die „Loreley“. Zu anderen Zeiten lag sie in der Bucht von Tarabya vor dem Sommerpalais der Botschaft vor Anker.


Cemal Pascha und Hans Humann
Cemal Pascha und Hans Humann

Um Hans Humanns Ansehen im Osmanischen Reich noch weiter zu stärken, schuf Deutschland für ihn eigens eine Funktion: So entstand das Amt eines „Marineattachés“. Die eigentliche Bedeutung Hans Humanns lag jedoch weniger in seinem Titel als in seinen Beziehungen. Er war mit Kriegsminister Enver Pascha auf vertrautem Fuß. Er war mit ihm per Du und stand ihm so nahe, dass er dessen Zimmer betreten konnte, ohne anzuklopfen. Er war verwöhnt, neureich, hochmütig und ein entschiedener Befürworter des Krieges.

„Ich habe den größten Teil meines Lebens in der Türkei verbracht und kenne die Armenier. Deshalb weiß ich, dass Armenier und Türken in diesem Land nicht zusammenleben können. Eines dieser beiden Völker muss verschwinden. Ich mache den Türken keine Vorwürfe für das, was sie den Armeniern angetan haben. Ich halte sie für im Recht. Das schwächere Volk muss unterliegen. Die Armenier wollen die Türkei zerschlagen. In diesem Krieg sind sie den Türken und Deutschen feindlich gesinnt, und deshalb haben sie kein Recht auf Leben.“

Dies sind die Worte eines Fregattenkapitäns, der als Marineattaché an der deutschen Gesandtschaft tätig war.

Ob man das, was 1915 in Istanbul und Anatolien mit den Armeniern geschah, nun als „Völkermord“ oder als „Große Katastrophe“ bezeichnet – am Ende bleibt die schmerzliche Tatsache, dass dieses Ereignis weder in der Türkei noch in Deutschland bis heute wirklich aufgearbeitet und verarbeitet worden ist.

An anderer Stelle äußerte sich Humann noch deutlicher. Er schrieb: „Die türkische Regierung nutzt den Krieg und das handlungsunfähige Europa, um die Armenierfrage an der Wurzel und brevi manu, also auf kurzem Wege, gewaltsam zu lösen …“ Und weiter: „Die Armenier sind nun fast vollständig ausgerottet. Das klingt grausam, ist aber nützlich.“ Humann riet dem damaligen deutschen Außenminister Richard Kühlmann zudem, die Türken in der Armenierfrage im Interesse der deutschen Politik nicht zu kritisieren.

Es wäre wohl keine Übertreibung zu sagen, dass Hans Humann beim Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg eine bedeutende Rolle spielte. Denn dieser junge Mann verfügte, wenn auch nicht über weitreichendere formale Befugnisse, so doch über einen Einfluss, der weit über seine Stellung an der deutschen Gesandtschaft hinausging.

So wurden im Jahr 1914 die deutschen Kriegsschiffe „Goeben“ und „Breslau“ im Mittelmeer vor der Verfolgung durch die britische Marine gerettet und entgegen internationalem Brauch kurzerhand unter türkische Flagge gestellt. Unter den Namen „Yavuz“ und „Midilli“ wurden sie in die osmanische Marine aufgenommen. Dass das deutsche Personal osmanische Uniformen trug, ebenso wie die Idee, mitten in der Nacht unter zweifelhaften Umständen ins Schwarze Meer auszulaufen und russische Häfen und Schiffe zu bombardieren – all dies ging auf Humanns Konto.

Aus Goeben wird Yavuz
Aus Goeben wird Yavuz

Russland ließ dies nicht unbeantwortet und erklärte dem Osmanischen Reich den Krieg. Auch im Hinblick auf Montreux lässt sich daraus eine Lehre ziehen.

Nicht nur Deutschland, auch das Osmanische Reich verlor den Krieg. Carl Humanns Grab befindet sich in Bergama. Sein Sohn Hans liegt irgendwo in der Nähe von Potsdam begraben. Und auf Yassıada steht noch immer das Sommerschloss jenes Engländers mit dem langen Namen.

Die Insel, auf der die Türkei ihre zivilen Politiker hinrichtete, soll nun „Insel der Demokratie und der Freiheiten“ heißen.

Doch was geschieht mit all den Erinnerungen, die Yassıada in sich trägt?

Halûk Uluhan 26.05.2021

Tribunal gegen Menderes und Freunde
Tribunal gegen Menderes und Freunde
Grabungsstätte Pergamon
Grabungsstätte Pergamon
Hans Humann, mittlere Reihe links aussen und Cemal Pascha, vorne Mitte in Uniform.
Hans Humann, mittlere Reihe links aussen und Cemal Pascha, vorne Mitte in Uniform.
Pergamon-Altar, Berlin.
Pergamon-Altar, Berlin.
Carl Humann, Grabstein, Pergamon
Carl Humann, Grabstein, Pergamon

 
 
 

Kommentare


IMPRESSUM

Cicerone.Travel ist eine Marke von Holiday Vibes Travel.

TÜRSAB-Lizenznummer: A-13738

BEHER TURİZM LTD. ŞTİ.

Güzeloba Mah. 2209 Sok.

Ümmühan Akdoğan Sit.

B Blok No. 5/7

07230 Muratpaşa - Antalya
 

Steuernummer: Antalya Kurumlar V.D. 1601645583

KONTAKT:

İSTANBUL-ANTALYA

WhatsApp 0532 214 66 29

WhatsApp 0532 245 35 00

WhatsApp 0533 779 39 85

info@cicerone.travel

KÜNYE

Cicerone.Travel bir Holiday Vibes Travel markasıdır.

TÜRSAB A-13738

BEHER TURİZM LTD. ŞTİ.

Güzeloba Mah. 2209 Sok.

Ümmühan Akdoğan Sit.

B Blok No. 5/7

07230 Muratpaşa - Antalya
 

Antalya Kurumlar V.D. 1601645583

İLETİŞİM:

İSTANBUL-ANTALYA

WhatsApp 0532 214 66 29

WhatsApp 0532 245 35 00

WhatsApp 0533 779 39 85

info@cicerone.travel

  • Facebook Social Icon

Facebook: Cicerone.Travel

Instagram: cicerone.ile.seyahat

bottom of page