Uhrenmeister des osmanischen Hofes

En son güncellendiği tarih: 26 May 2018

Türkische Zeitmessungen: Ich wundere mich über Menschen, die an einem Tag so vieles schaffen und dabei immer noch frisch aussehen. Dass das alles eine Tomate erledigt, war mir neu. Ja, eine Tomate! Ich weiß, dass die Tomate mit der Zeit reif und rot wird. Das weiß jeder. Aber nur der postmoderne Mensch unserer schnellen Tage weiß, dass die Tomate ein wichtiges Mittel des Zeitmanagements ist. Gemeint ist die Küchenuhr in Tomatenform, die klingelt, wenn es Zeit ist, den Kuchen aus dem Ofen zu nehmen.  Pomodoro-Technik nennt sich das, benannt nach dem italienischen Begriff für Tomate. Francesco Cirillo entwickelte sie in den 1980er Jahren. Das System verwendet einen Kurzzeitwecker (die Küchenuhr Cirillos bei seinen ersten Versuchen), um Arbeit in 25-Minuten-Abschnitte - die sogenannten pomodori - und Pausenzeiten zu unterteilen. Man geht davon aus, dass häufige Pausen die geistige Beweglichkeit verbessern. So soll der Mensch produktiver arbeiten, und Tomate ist eine Zeiteinheit geworden - gemäß dem Zeitgeist. Zum Beispiel: Nach 17 Tomaten Arbeitszeit verbringt der durchschnittliche Istanbuler noch 4 Tomaten im Straßenverkehr, um nach Hause zu kommen. Dann ist er höchstens noch Tomatenmark.

​Mittlerweile gibt es sogar Tomaten-Apps für Smartphones:

Zeitmessung - wozu braucht man das? Warum muss man wissen, wie spät es jetzt ist? Kann man nicht ohne Uhr leben? Die Natur außerhalb des Menschen lebt nach der Sonne, dem Mond und den Jahreszeiten. Ich habe noch nie ein Eichhörnchen mit Armbanduhr gesehen. Der Mensch aber, der praktizierende Muslim z. B., mußte wissen, wann er sein Ritualgebet hält. Also, brauchte er Zeitmessung:* Morgengebet, wenn ein schwarzer Faden von einem weißen Faden gerade noch zu unterscheiden ist.* Mittaggebet, wenn ein senkrechter Gegenstand in der Sonne den kürzesten Schatten wirft.* Nachmittagsgebet, wenn der Schatten 2 bis 3mal so lang ist, wie der Gegenstand hoch.* Abendgebet mit dem Verschwinden des Schattens.* Nachtgebet, wenn man die beiden Fäden von heute früh nicht mehr unterscheiden kann - vorausgesetzt man hat sie nicht verloren.

Dazu dienten Sonnenuhren, Obelisken, Säulen, Minarette, Bäume...


Modernisierung hieß im Orient schon immer die Übernahme der technischen Errungenschaften - und nur technische - des Westens, die das Leben zu erleichtern versprachen. So gab es mechanische Meisterwerke, die Gebetszeiten angezeigt haben - man musste sie aber jedes Mal neu einstellen. Sie hatten nur einen Zeiger und die Ziffern waren arabisch. Die Uhrzeit gaben "europäische" Uhren mit "osmanischen Ziffern" an.

Auch im Kalenderwesen gab es ein Durcheinander: arabische, jüdische, griechische, gregorianische Kalender wurden gleichzeitig genutzt. 

Cicerone hatte dieses Thema zum letzten Jahreswechsel schon mal besprochen:

​Die osmanische Gesellschaft, die im 19. Jahrhundert durch Fremdeinflüsse, Kriege, Levantehandel und Reformen durcheinandergeraten war, ging nach 1923 in eine republikanische Ära über. Und nun wurde vieles per Gesetz oder Dekret bürokratisiert und so nach wie vor von oben verordnet: Schrift, Kalender, Säkularismus. Verwestlichungsbestrebungen können in der Türkei mindestens auf 150 Jahre Geschichte zurückblicken. "Uhrenstellstationen waren kleine Standorte, die man aufsuchen konnte, wenn einem unterwegs die Uhr stehengeblieben war. Gegen ein kleines quittiertes Entgelt sollten dort junge Damen die Uhren von Männern und junge, gutaussehende männliche Mitarbeiter die Uhren von Frauen aufziehen und richtig stellen. Die ersten Stationen sollten auf belebten Straßen vornehmer Stadtteile entstehen, und dann sollte nach und nach in entlegenere Viertel vorgedrungen werden. Die beiden ersten Stationen eröffneten wir dann in Galatasaray und in Teşvikiye."


Ahmet Hamdi Tanpınars satirischer, fast grotesker Roman "Uhrenstellinstut" ist einer der besten Romane der türkischen Literatur. Tanpınar behandelt darin die Umstellung einer Gesellschaft von alten auf neue, moderne Verhältnisse. Tanpınars Protagonist gründet ein völlig überflüssiges Uhrenstellinstitut, das nichts anderes bringt als mehr Bürokratie.  "Das Uhrenstellinstitut hat bisher alles gehalten, was es versprochen hat. Die öffentlichen Uhren und auch die privaten gehen zwar immer noch nicht so genau, wie sie sollten, aber die Menschen haben sich daran gewöhnt, oft auf die Uhr zu sehen und die Zeit zu messen, und wenn wir auch noch nicht viele Uhren in die Dörfer gebracht haben, so doch wenigstens das lnteresse daran. Eine Million Bauernkinder tragen heute eine von uns verkaufte Spielzeuguhr am Arm! Wenn sie groß sind, werden sie sich dank der günstigen Uhrenbankkredite eine richtige Uhr leisten können. Wenn diese ihnen auch sonst nicht viel nützt, kann sie doch bei Bedarf verpfändet oder ver­kauft werden und einen Notgroschen einbringen. Für Frauen haben wir uns beim Uhrenschmuck einiges einfallen lassen und ihn vom Armreifen auf jede Art von Schmuck ausgedehnt. Insbesondere unsere Erfindung mit der Uhr am Strumpfband hat weltweit Nachahmer gefunden. Sie waren ja gleich gegen diese Strumpfbänder und argumentierten, die würden allerhöchstens im Varieté Verwendung finden. Dabei gibt es heute in Istanbul Tausende von Frauen, die mit so einer Strumpfbanduhr herumlaufen. Mit der elegantesten Bewegung der Welt lüpfen sie auf der Straße ihren Rock und sehen auf die Uhr. ..." Tanpınar (1901-1962) hat die meiste Zeit seines schöpferischen Lebens im Narmanlı Han in Beyoğlu gelebt. Auch dieses historische Haus ist Opfer der derzeitigen Gentrifizierung.


Narmanlı Han


Tanpınar

Relativitätstheorie am Grabstein von Tanpınar: "Weder bin ich innerhalb der Zeit, noch bin ich ganz außerhalb von ihr."

Tanpınar muss wohl eher in einem Raum-Zeit-Kontinuum gedacht und gelebt haben - ein leider wenig beachteter Literat. Früher konnte man in Istanbul mehr öffentliche Uhren sehen - die meisten von MEYER. Ist das eine weltbekannte Uhrenmarke? Kaum.


Sultan Abdulhamid II. braucht einen Hofuhrmacher und wendet sich an den deutschen Kaiser. Ein gewisser Johann Meyer gewinnt die Ausschreibung des Kaisers - das war 1875. Sämtliche Uhren im Palast, auch die der Beamten sollten gefertigt, gewartet, eingestellt werden. Es war keine einfache Sache mit der Zeitmessung und dem Zeitmanagement. Beide Systeme waren gleichzeitig in Gebrauch: orientalisch und europäisch, einzeigerig und zweizeigerig. Der Hofuhrmacher Johann ist aber mit einer großen Erfindung in die Geschichte eingegangen. Er träumte von einer Uhr, die gleichzeitig die "moderne" und die "alla turca"-Zeiten angibt. Dieses 2-in-1-Produkt ist ihm gelungen. Er wurde mit einem Orden dafür belohnt.

Johann Meyer

Johann machte sich selbständig, und als Hofuhrmacher wurde er stadtbekannt. Er bekam viele Aufträge. Das Familienunternehmen ging vom Vater auf Sohn Emil und auf dessen Sohn über. Wolfgang Meyer, den Cicerone in den 1970-er Jahren über seine damalige deutsche Lebensgefährtin kennenlernte, starb 1981 und ist in Istanbul begraben.

Wolfgang Meyer

Wolfgang hatte keine Kinder und übergab die Firma seinem damaligen Gesellen, einem Türken, Nahsen Bayındır, der jetzt Präsident des Verwaltungsrates von "Meyer Biometrics and Security" ist, einem Unternehmen, das Geräte und Programme zur biometrischen Identifikation bei Personenkontrollen entwickelt: von Fingerabrücken bis zur Iriserkennung.  Aber, in einer kleinen Werkstatt stellt Meyer jährlich angeblich 4000 Wanduhren immer noch per Hand her.

Nahsen Bayındır

Hinter dem hässlichen Parkhaus in Karaköy in einem engen Gassengewirr  - Kölemen Sok. - sieht man die Leuchtreklame "MEYER". Dort in einem uninteressanten Bürohaus ist die Firma. Der Hauptsitz allerdings ist schon etwas präsentabler - auf der asiatischen Seite, auf der Höhe von Ataşehir. Stolzes Gründungsdatum der High-Tech-Firma ist 1878. Da haben wir wieder deutsche Spuren in Istanbul: MEYER-Uhren.  Und, was hat das alles dem anatolischen Menschen genützt? Wenn man in der Türkei auf dem Land unterwegs ist und jemanden fragt, wie lange es wohl mit dem Auto bis zu einem gewissen Ziel dauert, bekommt man immer noch Antworten wie "eine Zigarettenrauchlänge". Bei sprachlichen Problemen werden oft alle zehn Finger gespreizt um "10 Minuten" als Antwort zu geben. Das Problem ist, dass anatolische "Zehnminuten" keinem europäischen Quarzuhrdiktat unterliegen. Als morgenländische Parabel sind sie eher das Gegenteil einer messbaren Zeitspanne. Aber egal, wo man ankommt, sind die Tomaten nur für den Salat gedacht.

Im Buch: Ort 71

Christian Feiland, ein in Istanbul sesshaftes Mitglied der Familie, hat die Meyer-Geschichte in diesen fünf interessanten Videos in Folge sehr gut geschildert:





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