top of page

Eine neue Geschichtsentdeckung: Mehmet Vahidettin – der letzte Padischah...

  • Autorenbild: Thomas Weiberg
    Thomas Weiberg
  • 16. Juli
  • 3 Min. Lesezeit


Während der Erste Weltkrieg im Sommer 1918 unaufhaltsam seinem Ende zutrieb und in den grausamen Materialschlachten zahllose Väter, Brüder und Söhne aller beteiligten Nationen verbluteten, erlebte das Osmanische Reich noch einen Herrscherwechsel.

Am 3. Juli starb Sultan Mohammed V. (Mehmed Reșad), ihm folgte sein 1861 geborener Bruder Mohammed VI. (Mehmed Vahidettin) als 36. Sultan aus dem Haus Osman auf den Thron nach.

Damit regierten ab 1876 nacheinander vier Söhne Sultan Mahmuds II. — Murad V., Abdül Hamid II., Mohammed V. und eben Sultan Mohammed VI.

Keineswegs unvorbereitet trat der neue Sultan sein Amt an. Bereits als Thronfolger war Mehmed Vahidettin im Frühsommer 1917 im Bad Homburger Schloß mit Kaiser Wilhelm II. zu politischen Gesprächen zusammen- getroffen. Damals begleitete ihn auf dieser Reise ein junger unbekannter

Offizier — Mustafa Kemal. Während seines Besuches in Konstantinopel im Herbst 1917 wurde Kaiser Wilhelm II. dann im Ihlamur Köşkü von Prinz Mehmed Vahideddin zu einer Unterredung empfangen.

Der hochgebildete Schöngeist, der im Sommer 1918 in einer für das Osmanische Reich dramatischen Zeit den Thron bestieg, war jedoch kaum der richtige Mann, um den vor dem Untergang stehenden Staat zu führen. Am 4. Juli 1918 bereits erfolgte die traditionsreiche Gürtung Mohammeds VI. mit dem Schwert Osmans in der Moschee von Eyüp am Goldenen Horn. Zuvor war bereits die Huldigung der höchsten Repräsentanten des Reiches vor dem Padischah auf dem berühmten goldenen Thron unter einem der inneren Tore des Topkapı Palastes erfolgt und der Nachwelt in Photographien überliefert worden.

Die Aufgabe, die Mohammed VI. übernahm war verzweifelt: Das Osmanische Reich taumelte dem Untergang entgegen. Die Alliierten hatten bereits die Arabische Halbinsel, Bagdad und Palästina besetzt, die osmanischen Truppen wichen, ebenso wie die Armeen ihrer Verbündeten, fast überall zurück.

Mohammed VI. meinte, die Dynastie und das Reich zu erhalten, indem er, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, stärker in die Regierungs- geschäfte eingriff. Das sollte sich ab dem Herbst 1918, nach dem Ende der jung- türkischen Herrschaft und der Flucht ihrer Führer mit deutscher Unterstützung, allerdings als katastrophaler Fehler erweisen. Zunächst jedoch durchlebte das Osmanische Reich nach dem sogenannten militärischen Zusammenbruch der Mittelmächte im November 1918 durchlebte den vorläufigen Tiefpunkt seiner Geschichte: Die geradezu triumphale Besetzung Konstantinopels durch die Siegermächte des Ersten Weltkrieges – Briten, Franzosen und Italiener.

Sultan Mohammed VI. und seine Regierung glaubten Reich und Dynastie nun nur durch eine enge Zusammenarbeit mit den Sieger- mächten retten zu können. So akzeptierte der Sultan scheinbar widerspruchslos die desaströsen Friedens- bedingungen der Alliierten und verlor nicht zuletzt deshalb in der Bevölkerung weitgehend den Rückhalt, dessen er in dieser dramatischen Situation jedoch unbedingt bedurft hätte. Fortan galt er vielen Osmanlıs als Erfüllungsgehilfe der Briten und ihrer Verbündeten, der ihnen das Reich auslieferte.

In dieser außen- wie innenpolitisch schwierigen Situation vollzog sich dann, teilweise mit Duldung oder heimlicher Protektion seitens des Sultans und der alten politischen Eliten, der rasante Aufstieg eines Mannes, der ab 1923 aus den Trümmern des Osmanischen Reiches die neue Türkei formen sollte: Mustafa Kemal Atatürk.

Im November 1922 beschloß die Große Nationalversammlung die Trennung von Sultanat und Kalifat, schaffte die Monarchie aber noch nicht ab. Der offiziell noch immer regierende Padischah wurde des Landes verwiesen, sein Cousin Abdül Mecid folgte ihm dann im Amt des Kalifen nach, bis auch dies 1924 schließlich abgeschafft wurde.

Damit wurde die Situation des Sultans in seiner Hauptstadt letztlich unhaltbar. Mohammed VI., dessen Bewegungsradius durchaus eingeschränkt war, mußte die Briten beinahe bitten, aus dem Palast, versteckt in einem Krankenwagen, fliehen zu dürfen. Auf einem Schiff brachten die Briten den Sultan zunächst nach Malta in sein vorläufiges Exil. Später bot ihm König Victor Emanuel von Italien eine Villa in San Remo an. Dort starb Mehmed Vahidettin 1926, nachdem durch die offizielle Abschaffung der Monarchie 1923 seine Hoffnungen auf eine Rückkehr auf den Thron endgültig zunichte geworden waren – und kurz bevor er als erster Herrscher aus dem Haus Osman überhaupt zu einer Pilgerreise nach Mekka aufbrechen konnte. Beigesetzt wurde der letzte glücklose Sultan des Osmanischen Reiches in Damaskus, sein Grab ist bis heute erhalten.

In den vergangenen Jahren sind in der Türkei ausführliche biographische Würdigungen Mohammeds VI. erschienen. Daß bislang keine Biographie des Monarchen in deutscher Sprache vorliegt, ist ein bedauerliches Desiderat. Könnte solch eine Biographie doch zum politisch-historischen Verständnis des Osmanischen Reiches in seiner Spätzeit nicht nur während des Ersten Weltkrieges und danach erheblich beitragen sowie ein Schlaglicht auf das komplizierte Beziehungsgeflecht und spannungsreiche Nebeneinander der verschiedenen osmanisch-türkischen politischen und militärischen Machtzentren zwischen 1918 und 1923 werfen.

Text © Thomas Weiberg

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen

IMPRESSUM

Cicerone.Travel ist eine Marke von Holiday Vibes Travel.

TÜRSAB-Lizenznummer: A-13738

BEHER TURİZM LTD. ŞTİ.

Güzeloba Mah. 2209 Sok.

Ümmühan Akdoğan Sit.

B Blok No. 5/7

07230 Muratpaşa - Antalya
 

Steuernummer: Antalya Kurumlar V.D. 1601645583

KONTAKT:

İSTANBUL-ANTALYA

WhatsApp 0532 214 66 29

WhatsApp 0532 245 35 00

WhatsApp 0533 779 39 85

info@cicerone.travel

KÜNYE

Cicerone.Travel bir Holiday Vibes Travel markasıdır.

TÜRSAB A-13738

BEHER TURİZM LTD. ŞTİ.

Güzeloba Mah. 2209 Sok.

Ümmühan Akdoğan Sit.

B Blok No. 5/7

07230 Muratpaşa - Antalya
 

Antalya Kurumlar V.D. 1601645583

İLETİŞİM:

İSTANBUL-ANTALYA

WhatsApp 0532 214 66 29

WhatsApp 0532 245 35 00

WhatsApp 0533 779 39 85

info@cicerone.travel

  • Facebook Social Icon

Facebook: Cicerone.Travel

Instagram: cicerone.ile.seyahat

bottom of page