Am Hafenkai von Karaköy I

Marseille am Goldenen Horn
Cicerone setzt nun seinen Gang durch Gassen und Bauten von Galata und Pera fort. Der letzte Punkt seines Spazierganges war das Café Karabatak.
Geht man jetzt die enge Gasse zwischen dem Türkisch-Orthodoxen Patriarchat und dem Kormoranencafé Richtung Süden, kommt man an eine der fünf parallel verlaufenden "Corniche" von Karaköy: Mumhane Caddesi. Man sollte hier keine breite Allee etwarten. Die Dimensionen der Straßen und Gassen von Galata und Pera lassen den aufmerksamen Flaneur schon ahnen, daß hier nur Menschen, Lasttiere und Karren unterwegs waren.
Nach rechts, also nach Westen, geschaut, fällt schräg gegenüber eine seltsame neo-klassizistische, gelbliche Fassade auf:

Die Französische Passage.
Das Goldene Horn - einst der begehrteste Hafen der Welt - hat schon immer vielen im Ausland den Mund wässerig gemacht. Mit den sogenannten Kapitulationen des Osmanischen Reiches erreichten manche Länder doch gewisse Sonderrechte im internationalen Handel.
Mit Kapitulationen meint man Abkommen meist im Bereich des Handels mit verschiedenen europäischen Staaten. Das erste dieser Abkommen wurde 1536 mit Frankreich geschlossen. Später folgten weitere Kapitulationen mit anderen europäischen Ländern. Sie räumten dem europäischen Handel im Osmanischen Reich gegenüber den einheimischen Kaufleuten erhebliche Vorteile, insbesondere bei den Zöllen ein. Die Kapitulationen waren dabei keine Verträge zwischen gleichberechtigten Partnern, sondern waren in Form von Privilegien des Sultans abgefasst. Für Handelsrechte im Osmanischen Reich versprachen die europäischen Staaten Tribute oder Militärhilfen. Die Form der Verträge hatte aber zur Folge, dass die osmanischen Kaufleute in den europäischen Staaten keine Handelsvorteile besaßen. Dies führte langfristig dazu, dass sich die ökonomische Position des Osmanischen Reiches gegenüber der europäischen Konkurrenz verschlechterte.

Das Goldene Horn wurde mit der Zeit immer verstopfter, und die Schiffe immer größer. So mußte die Öffnung dieses sehr wichtigen Fjords nunmehr als Anlegestelle dienen. Um Nutzflächen zu vergrößern, wurde das steile Ufer von Galata schon ab dem 16. Jahrhundert nach und nach zu einem künstlichen Kai ausgebaut.
Französische Kaufleute wohnten und handelten in diesem Quartier - eine Art französische Freihandelszone also. Ab 1650 aufwärts wird Marseiller Handelskammer auf die Bedeutung der Präsenz französischer Kaufleute hier aufmerksam und macht Druck auf den französischen Staat und verlangt Regelungen. So verschwanden allmählich Venezianer aus dem Geschäftsleben in Konstantinopel.

Die Passage, die die Straßen Mumhane und Kemankeş verbindet, bietet in der Parterre heute Platz für interessante Designer-Geschäfte und moderne Gastronomie.


Der Unterbau stammt aus dem Jahr 1860. Als späterer Eigentümer taucht die Familie Narmanlı aus Erzurum auf. Die Cité Française, die neben Franzosen auch russische Kaufleute beherbergte (russische Dachgeschoßkirchen in Karaköy!), wurde 1982 halbwegs restauriert und diente als "Karaköy Electronic Center" mit Produkten aus Fernost. 1992 wurde der Bau abgerissen und vom Diplomarchitekten Dr. Sinan Genim wieder aufgebaut - mit einem Zusatz, der jedem auffällt.
Genim, ein entschiedener Verfechter Erdoğans ehrgeiziger Mammutprojekte wie Kanal Istanbul (zweiter Bosporus), ist ein preisgekrönter Architekt. Wir dürfen raten in welcher Sparte er seinen Preis bekam: in Denkmalschutz!

Kommt man durch die Cité Française auf die Kaistraße Kemankeş (oder Rıhtım Caddesi) und schaut nach links, also nach Osten, sieht man gleich nebenan eine interessante Polizeistation.




Kommentare