Rakı

Der unsichtbare Löwe in der Flasche
Die klischeehafte Bemerkung der Touristen „Aber die Moslems dürfen doch keinen Alkohol trinken“, wird von den Fremdenführern genauso stereotyp beantwortet: „Es sei denn, aus medizinischen Gründen!“
In der touristischen Konversation ist also Rakı kein Alkohol, sondern Medizin.
Überall dort, wo Wein angebaut wird, gibt’s nicht nur Wein, sondern auch seinen Geist: Spirituosen auf Weinbasis. Obwohl man den dominierenden Anisgeschmack wahrnimmt und den Rakı gleich zum Anisschnaps erklärt, ist der Grundbestandteil des Rakı der Wein.


Bei der Weinherstellung wird das Gemisch aus Most, Beerenschalen und Traubenkernen als Maische bezeichnet. Nach dem Keltern zu Wein gewinnt man aus 100 Liter Maische etwa 25 Kilo Trester (Pressrückstände). Der (feuchte) Trester wird nun destilliert und das, was man erhält, ist die Grundlage einer geistreichen Medizin: italienischer Grappa, französischer Marc oder griechischer Tsipouro.
Nun gibt es einen zweiten Destillationsprozess. Hierbei wird in das erste Destillat Anis (mittlerweile Sternanis) zugesetzt. Der Rakı ist also ein doppelt gebrannter Schnaps!
Anis enthält einen Stoff, der in hochprozentigem Alkohol löslich ist. Da der Rakı 45-55 Volumenprozente an Alkohol hat, sieht man nur Klares. Doch das ätherische Anisöl ist schon drin. Daher der lakritzähnliche Geschmack.
Der Name „Rakı“ leitet sich aus dem Arabischen her. „Arrak“ heißt bei den Arabern ein sehr ähnliches Getränk und bedeutet „Schweiß“, woraus man auf die Destillation schließen kann: Schließlich schwitzt der Absud bei diesem Prozeß. Der Rakı wird seit dem 15. Jahrhundert erwähnt. Ausgehend von seinem Ursprung in Kleinasien wurde er sowohl von den Griechen als auch von den Türken im Osmanischen Reich gebrannt und dann im Mittelmeerraum verbreitet. Vom griechischen Ouzo über den Balkan bis zum französischen Pastis sind diverse „National“-Varianten des Rakı bis heute beliebt.
Den Rakı kann man als Apero verdünnt mit Eiswasser trinken oder auch pur nach dem Essen zur Verdauung. Die Türken trinken ihn zum Essen, wie man sonst Bier oder Wein zum Essen trinkt. Beim Vermischen mit Wasser erhält das Getränk durch den „Louche-Effekt“ sein typisches milchig-trübes Aussehen, weswegen es von Einheimischen auch „aslan sütü“ (Löwenmilch) genannt wird.

Was aussieht wie ein Hokuspokus, ist ein kurzer chemischer Prozess. Da durch die Verdünnung der Alkoholgehalt nicht mehr so hoch ist, wird das Anisöl, das unsichtbar war, freigesetzt und stellt sich uns als weißer Stoff vor.
Verdünnt, d.h. verlängert, ist Rakı zum Essen eher trinkbar denn als hochprozentiger Schnaps. Außerdem entfaltet sich das Aroma!
Verdünnungsvorschlag für Anfänger ist 1:1. Dreifingerbreit Rakı und ebenso viel kaltes Wasser dazu. Wenn man auch Eiswürfel haben will, sollte man weniger Wasser beimengen. Rakı, Wasser, Eis – in dieser Reihenfolge bitte!
In den Szene-Bars in der Türkei hat sich Rakı mittlerweile auch als Basis für Longdrinks und Cocktails etabliert. Klassiker wie Caipirinha oder Mojito erhalten durch Beimischung von Rakı einen angenehmen Anis-Touch. Geschmacksache...


Geselligkeit ist der beste Freund des Rakı. Denn ihn alleine zu trinken, gilt in der Türkei als Zeichen von Einsamkeit. Ein besonderes Erlebnis ist die Teilnahme an einer traditionellen „Rakı sofrası“, einer meist festlichen Rakıtafel, bei der zahllose kalte und warme Vorspeisen (Meze) zur gemeinsamen Bedienung auf dem Tisch bereitstehen und bei der stundenlang gegessen, getrunken und geplaudert wird, oft auch musikalisch begleitet.
Rakı verträgt sich nicht mit Hast.
In anderen Tafelkulturen wählt man das passende Getränk zum Essen. Beim Rakı ist es umgekehrt.




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